Sie spähte hinter den heruntergelassenen Stores hindurch, um ihn noch einmal zu sehen. War’s Einbildung — oder ging er wirklich nicht ganz so straff wie sonst — den Kopf wie gedankenverloren ein wenig gesenkt?
In der Tat war es ein intensives Nachdenken, das Georg Wetterhelm erfüllte, ein Zwiespalt von Gedanken und Gefühlen.
Sein Leben war bisher in so glatten Bahnen verlaufen, er hatte nach dem Programm gelebt, das er sich selbst von seinem Leben entworfen. Er hatte seine Examina gut bestanden, war Rittmeister der Reserve bei den Garde-Ulanen; seine Gesundheit war ausgezeichnet, seine Vermögensverhältnisse rangiert. Er hatte gute Zukunftsaussichten, hoffte, später in die Diplomatie übernommen zu werden. Er hatte die Absicht, seine Konnexionen durch eine passende Heirat zu verstärken.
Und nun sollte sein Lebensplan aus der Ordnung gebracht werden durch so einen süßen Wildfang, durch dieses hübsche, geistreiche, ungebärdige Persönchen, das neulich auf dem Basar sein kühles Wesen ganz mit Glut erfüllt. Sie hatte ihm einen Eindruck gemacht, wie er sich kaum erinnerte, ihn je empfangen zu haben. Und doch entsprach sie auch nicht im mindesten dem Bilde, das er sich in Gedanken von seiner zukünftigen Lebensgefährtin gemacht. Er fand sie zu jung, zu ungezügelt, mit einem bedenklichen Hang, eigene Wege zu gehen.
Er hatte sich das alles gleich nach ihrer ersten Begegnung gesagt, aber die Wirkung, die sie auf ihn gehabt, war eine zu mächtige gewesen.
Vorläufig war noch kein Wort gefallen, das ihn an sie band — noch kein Wort, das überhaupt seine Gefühle verraten hätte. Aber sich selbst hatte Wetterhelm längst gestanden, daß er sie liebte.
Freilich... ob es nicht besser war, dieser Liebe nicht nachzugeben? Abreisen und den Weg zu gehen, den er sich vorgezeichnet...
Schließlich, es war ja zu dumm, daß ein nettes Mädel einfach seine ganzen Zukunftspläne verändern sollte! Er war doch kein törichter junger Mensch mehr, sondern ein zielbewußter, ernster Mann.
Und dieser Besuch, den er eben gemacht, war nicht dazu angetan gewesen, seine Heiratspläne zu fördern. Gegen den Namen war ja nicht das mindeste einzuwenden. Die Birkens waren Uradel wie die Wetterhelms. Aber dieser Birkensche Haushalt, den er eben kennen gelernt, hatte so gar nichts mit der Durchschnitts-Lebensführung einer deutschen Aristokratenfamilie zu tun!
Monikas Mutter schien recht freien Anschauungen zu huldigen, was sich schon aus der Art erhellte, in der die halbwüchsigen Söhne die Konversation führten. Und auch die Idee mit Monikas Studium lag Wetterhelm gar nicht.