„Mein Bruder hat mich neulich mit Ihnen gesehen, und ich habe Schelte bekommen.“
Eine Blutwelle stieg ihm ins Gesicht. „Das ist auch ganz richtig. Es ist auch nicht korrekt von mir. Ich wollte Sie schon sowieso um die Erlaubnis bitten, bei Ihrer Mutter Besuch machen zu dürfen. Wann empfängt sie?“
„O, Mama hat gar keinen jour,“ sagte Monika verlegen. Sie fand die Aussicht, ihren Freund bei sich zu Hause begrüßen zu können, durchaus nicht beglückend... Da war Mama und die Jungen, die so auf sie aufpaßten. Und man würde nie über ein vernünftiges Thema sprechen können... Und jeder Blick würde beobachtet werden... Und dann: zu Hause war es gar nicht mehr elegant. Man war sehr zurückgegangen seit den Sarkower Tagen. Nicht mal einen Diener hatte man, bloß so ein dummes „Mädchen für alles“... Gewiß würde der Haushalt den Konsul sehr enttäuschen. Wer weiß, wie verwöhnt er war!...
So schwieg sie, statt eine Antwort zu geben.
Und schauderte doch zusammen vor Glück, als er sagte:
„Ich komme übermorgen um eins.“
Gedankensprung
Zu Hause gelang es ihr, den bevorstehenden Besuch als ganz gleichgültige, gesellschaftliche Förmlichkeit hinzustellen. Sie sagte, daß Frau von Wetterhelm ihr diesen Vetter auf dem Basar vorgestellt, sie habe ihn neulich zufällig auf der Straße getroffen, und er habe gesagt, daß er diesen Sonntag Besuch machen wolle.
Die Baronin war von dem Besucher nicht sehr entzückt. Er war ihr zu förmlich gewesen. Eine knappe Viertelstunde hatte er im Salon gesessen, und während dieser Viertelstunde hatte Frau von Birken das unangenehme Gefühl, daß er auf die abgestoßene Ecke des schwarzen Tisches sah, und wenn er mal die Augen wo anders hinwendete, so blickte er entschieden suchend auf den fehlenden Henkel der blauen Sèvresvase.
Monika hatte still wie eine Puppe auf ihrem Stuhl gesessen und kaum die Augen aufgeschlagen. Sie war im Banne der brüderlichen Ueberwachung. Alfred, der sonst an Sonntagen spurlos verschwand, war zu Hause geblieben, und Heinzemännchen, der einen endlos langen schwarzen Gehrock trug, den er sich angeschafft hatte, um würdiger und älter zu erscheinen, bewachte sie wie ein Höllendrache. Kurz: Monika war ehrlich unglücklich, als Wetterhelm sich verabschiedet.