Sie unterbrach sich, denn ihre Tochter war aufgestanden, ging wortlos aus dem Zimmer; gleich darauf hörte man, wie sie sich im Schlafzimmer einschloß.
Ein fassungsloser Schmerz schüttelte ihren jungen Körper: sie hatte selbst nicht gewußt, mit welch elementarer Leidenschaft sie jenen schönen, kühlen Mann liebte. Immer wieder rang sich ihre Vernunft dazu durch, ihr zu sagen: Du kennst ihn ja kaum... Was kann er dir sein?... Was geht es dich an, ob er abreist?... Aber wenn sie an sein Fortgehen dachte, krampfte sich ihr Herz immer von neuem in rasendem Schmerz zusammen; immer von neuem zuckte sie in gewaltsam unterdrücktem Schluchzen.
Und nichts tun zu können, um das Glück zu erzwingen! — Nichts tun zu dürfen, um das Glück festzuhalten — nichts!
Uralte Satzung und auch ihr eigenes weibliches Gefühl verdammten sie zu stummem Warten.
Warten!... Nichts weiter!... Hoffend und fürchtend warten, ob das Glück kommt in seiner Sonnenpracht — oder ob es am Horizont ihres Lebens nur ferne vorüberleuchten würde, wie ein fallender Stern.
Sie litt so sehr unter diesem nagenden Zweifel, daß ihr sonstiger Uebermut wie weggeweht erschien.
Herr von Wetterhelm, der sie nach einigen Tagen wieder in der Nähe des Gymnasiums erwartete, fand sie verändert, blasser als sonst, einen schmerzlichen Zug um den schönen Mund, ihr ganzes Wesen von einem Hauch von Nervosität durchtränkt, den es sonst nicht gehabt.
Auf seine Fragen antwortete sie ausweichend. Er gab sich wärmer als sonst. Dieses tragische Gesichtchen erweckte Beschützergefühle in ihm.
„Soll ich morgen um dieselbe Zeit wieder hier sein?“ fragte er.
Sie zögerte mit der Antwort. Dann endlich: