Monika gab ihr einen herzhaften Kuß. „Liebe alte Liese, wie freue ich mich!“
Zärtlich betrachtete sie die vor ihr Stehende, die eine entschiedene Vorliebe für Farbenfreudigkeit an den Tag legte. Ein flammend rotes Umschlagetuch kreuzte sich über ihrer Brust, um sich auf dem Rücken zu einem großen Knoten zu vereinen. Unter dem Tuch kamen die Aermel einer unzweifelhaft unsauberen rosa Barchentjacke zum Vorschein, und eine dunkelblaue Küchenschürze deckte einen moosgrünen Rock. Und über dem schief zugehakten Kragen der rosa Jacke grüßte das liebe, verblühte Gesicht. Die dunkeln Augen, die sonst so dummpfiffig in die Welt sahen, standen voll Freudentränen.
„Monchen, daß ich Dir nochmal wiederseh’! — Und wie scheen Du geworden bist, eine bildscheene Marjell — ’n bißchen anders wie Holtzens ihre Marie!... Gottchen, das sah man ja schon gleich damals, wie ich als Amme bei Dir kam! — Und nachher — wie warst Du scheen und rund und dick — der reine Marzipan! Wie oft hab’ ich zu Deiner Mama gesagt: ‚Madamchen, die wird!‘ — Gegen Dir sah die Marie keesig aus, das kannst Du mir glauben. — Na, nu setz’ Dich bloß mal hin, mein trautstes Monchen. So ’ne Freude, nein, die Freude!“
„Liese, Du redst immer noch so viel wie früher. Und ausseh’n tust Du auch noch so. Sogar der Zopp ist noch derselbe!“
Lachend wies Monika auf den armdicken, fuchsigen Haarkranz, der über Lieses Scheitel thronte.
„Monchen, lach’ nich über meinen Zopp. Wenn er auch falsch is, scheen is er doch. Und mir hat er immer gekleidet, schon als ich noch ein scheenes, junges Mädchen war.“
„Liese — fang’ nicht mit Jugenderinnerungen an! Sonst sitze ich heute abend noch hier. Und Tante weiß gar nicht, daß ich weggerannt bin.“
„O weh, da wird’s was geben! Die gnädige Tante is ja so mächtig stolz, die spricht nie ein Sterbenswort mit uns arme Leute. Anders wie Deine Mamachen! Nu sage bloß, was macht denn die Mamachen, seit daß der liebe, gute, gnädige Herr Baron tot is?“
Liese wischte sich erschüttert mit dem Schürzenzipfel die Augen.
„So’n feiner, guter Herr kommt nich mehr wieder. Das Schwarzseidene, was er mir zur Hochzeit geschenkt hat!... Wären nich die Motten reingekommen, wäre es heut noch wie neu!... Ach Gottchen, so’n Herr wie der Herr Baron! Und hat so früh müssen versterben...“