„Aber das ist doch ein maßloser Unsinn,“ rief Monika heftig, mit sprühenden Augen; in ihrer Erregung bemerkte sie nichts von dem förmlich lähmenden Entsetzen, das ihr Ausruf bei der Tafelrunde hervorgerufen.
„Ja, ein offenbarer Unsinn,“ stürmte sie weiter, „ein lebendiges, warmes Liebes- und Lebensglück zu opfern aus töchterlichem Pflichtbewußtsein! Man lebt doch nicht für seine Mutter!“
Sie brach ab, erschreckt über das Verhalten ihres Bräutigams, der zu seiner Mutter getreten war. Er beugte sein erblaßtes Gesicht über die alte Frau und sagte, indem er wie beschwörend seine Hand auf ihren Arm legte:
„Hör’ nicht hin, Mama, sie meint es nicht so. Sie ist noch so sehr jung.“
Die böse Stimmung, die dieser Zwischenfall hervorgerufen, hielt an. Die Wetterhelmschen Damen brachten kaum ein Wort mehr über die Lippen.
Gut, daß Frau von Birkens Redefluß auch bei dieser Gelegenheit nicht versiegte. Ihre Begabung, über die nichtigsten Dinge sehr viel zu reden, war ihrem zukünftigen Schwiegersohne zum erstenmale eine Freude. So herrschte wenigstens nicht dauernd Stillschweigen.
Mit dem Abendzuge fuhr man fort. Auf der Rückfahrt berührte Wetterhelm mit keinem Worte den Vorfall, der ihm tiefgehenden Eindruck gemacht. Bei seiner langsam denkenden Art wollte er erst mit sich selbst ins Reine kommen, ehe er mit Monika sprach.
Die fühlte zwar, daß sie auf Georgs Angehörige keinen allzu günstigen Eindruck gemacht, aber sie nahm das ganze nicht wichtig.
Sie wurde auch dadurch abgelenkt, daß sie zu Hause die Korrekturbogen ihres neuen Gedichtzyklus fand.
Dieser Zyklus, der eine Ueberraschung für ihren Bräutigam sein sollte, war für die nächste Nummer des „Leuchtturm“ bestimmt.