„An Georg“ hieß die Ueberschrift dieser sechs Gedichte, deren eines das andere an klingenden Worten und leidenschaftlichen Empfindungen übertraf.
Monika war von ihrem eigenen Werke erschüttert, als sie die Korrekturbogen las. Ihr schienen diese Gedichte wie sechs voll erblühte Rosen, farbenflammend, duftsprühend... und die Dornen, die sonst Rosen tragen, hatte sie ihnen abgebrochen mit zärtlichen Fingern. Dornenlose Rosen waren’s nun, lauter Liebe und Leidenschaft und heißes, heißes Glück!
Eine heftige Ungeduld erfaßte sie plötzlich, Georg schon jetzt diese Verse zu senden. Nicht, wie sie sich vorgenommen, erst am nächsten Mittwoch, wenn das neue Heft des Leuchtturms erschienen war.
Sie schrieb ein paar Zeilen, kuvertierte diese und die Druckbogen und schrieb mit ihrer weitausladenden, arroganten Handschrift die Adresse ihres Verlobten.
Dann rannte sie fort, um den Brief selbst in den Kasten zu tragen; sie ließ Briefe an Georg nie durch jemand anders besorgen.
Sie schlief nicht viel in dieser Nacht; immer wieder mußte sie daran denken, wie Georg sich wohl freuen würde, wenn er diese glühenden Liebesgeständnisse las und durch ihre Zeilen erfuhr, daß er es nicht allein war, der diese Gedichte las, sondern daß Tausende von anderen Menschen, von mitfühlenden, mitvibrierenden anderen Menschen es lesen würden — — —
„An Georg“.
Nun, bald würde sie ja wissen, wie sehr er sich gefreut. Er kam ja morgen zum Abendbrot — — nein, nicht morgen. Heute! Es hatte ja eben schon zwei geschlagen durch die stille Nacht.
Erst als es hell wurde, schlief Monika ein.
Der Tag ging hin, wie jetzt alle Tage hingingen: in Erwartung ihres Bräutigams.