Und Bertha müsse kommen! Der Mutter Gicht habe solche Fortschritte gemacht, daß ihr die Hände oft gelähmt seien, unfähig zu jeder Tätigkeit. Die Mutter wäre ja tief unglücklich, daß Berthas hoffnungsreiches Studium abgebrochen werden solle, aber wer solle um den erblindenden Vater bemüht sein, wer die Tätigkeit ersetzen, die der Mutter gelähmte Hände nicht mehr tun konnten? Bertha solle kommen! Die einzige Tochter würde der Eltern Stütze sein.

„Meine Mutter scheint ja vollkommen durchgedreht zu sein!“ sagte Bertha. „Sie sollen sich doch eine Gesellschafterin nehmen. Es laufen ja genug junge Mädchen aus anständiger Familie herum, die für freie Station und ein Taschengeld den Beruf der Tochter des Hauses geradezu großartig ausfüllen! Wenn Mama ein Haustöchterchen haben wollte... ich hatte alle Anlage dazu! Dann brauchte sie mich nicht mit Gewalt auf diesen Weg zu führen. Auf dem bin ich und bleibe ich! Das kann niemand von mir verlangen, daß all die langen Jahre Studium, all meine Mühe und mein Fleiß umsonst gewesen sein sollen. Daß ich jetzt kurz vor dem Examen abspringen soll, ist wahrhaftig eine Zumutung!“

In diesem Sinne schrieb sie an die Mutter. Und postwendend traf die Antwort ein: ein Jammerschrei über Berthas Lieblosigkeit, die ihre kranken Eltern der Hilfe einer bezahlten Fremden überlassen wolle!

Bertha könne doch nicht so ganz jedes weibliche Fühlen verloren haben!

„Hätte sie sich früher überlegen sollen, meine gute Mama. Was soll denn das heißen: weibliches Fühlen?! Das soll weiter gar nichts heißen, als: sich selbst aufgeben zum Nutzen für andere! Wo bleibt da die Gleichberechtigung?! Wer verlangt von einem jungen Manne, der studiert, daß er nach Hause kommt, sein Studium aufgibt, um seine Eltern zu pflegen?! Wenn ich dasselbe leisten kann, was ein männlicher Student leistet, dann muß ich auch ebenso behandelt werden, dann kann ich denselben Respekt vor meiner Persönlichkeit verlangen! Und den verlange ich!... Mir tut die Krankheit meiner Eltern gewiß von ganzem Herzen und von ganzer Seele leid, aber mich selber ihnen opfern — — nun und nimmer! Sie werden schon eine nette Gesellschafterin finden. Ich lasse mich jedenfalls auf gar keine weiteren Unterhandlungen ein, und wenn sie mir die Zulage sperren, ist es noch so! Ich habe mein Eigenes von der Großmama. Die brave, alte Dame hatte geglaubt, ich würde meine Brautausstattung davon kaufen. Sie war noch so unmodern!“

Monika war peinlich berührt von Berthas Standpunkt. Wie herzlos das klang... wie gefühlsroh ... Und doch... war sie selbst denn etwa aufopferungsfähiger? Hatte sie nicht, um ihre Persönlichkeit zu wahren, ihren Mann verlassen, der so viel liebevoller zu ihr gewesen als Berthas Eltern zu ihrer Tochter?...

O gewiß, Bertha hatte ganz recht, so zu handeln! Aber ein unangenehmes Gefühl wurde Monika nicht los. Und Georg Wetterhelms Schwester fiel ihr ein, ihre Schwägerin Brigitte, deren Aufopferung sie verlacht, gleich bei jenem ersten Besuche auf Gerbitz, als sie Braut war. — —

Erinnerungen überfluteten sie wie große Wogen, die auf sie zukamen, über sie hinweggingen, ihren Widerstand ertränkten, daß sie in die Knie sank, daß sich in heißem Schluchzen ein Name von ihren Lippen rang:

„Georg.“

Nur einen Augenblick. Dann hatte sie die Herrschaft über sich zurückgewonnen.