Inmitten all der Rosen, all dieser weißen, halberblühten, mit den zwei blutigen Hüllenblättern, prangt die eine, die voll erblüht ist. Jedes einzige ihrer Blätter hat seine Schönheit vollendet, hauchdünn und leicht zeichnet es seine Form in zarter Kontur. Und in der weitgeöffneten Rose glüht der goldhelle Blütenstaub.
Vollendung!...
Warum gibt es so viele, die die halbgeöffnete Rose mehr lieben als die vollendete? Ist es der uralt ewige Fluch der unseligen Prometheuskinder, die ihr Glück immer nur in der Zukunft sehen? Denen die Ahnung einer seligen Zukunft lieber ist als die seligste Gegenwart?
Ach, diese Rosen beschreiben — wie kann man das? So beschreiben, daß man sie duften fühlt, daß man die seltsam rosigen Hüllenblätter sieht... und mit den Nerven der Fingerspitzen fühlt, wie unendlich weich und kühl diese Blütenblätter sind.
Die Sprachen sind alle unzureichend, zu wenig ausgebildet.
Wie viel tausend Empfindungen haben wir, die wir nicht sagen können, weil die Sprache keine Worte hat, um die tausendfarbigen Nuancen zu bezeichnen.
Wir stehen da wie Robinson auf seiner Insel. Unsere Werkzeuge sind zu einfach, unsere Waffen zu stumpf.
Mitunter kommt es wohl vor, daß man in einem Gedicht ein paar Worte hört, die einem die Nerven erzittern lassen, daß man schauernd ahnt, wie schön die Sprache sein könnte, wenn man sie pflegte und veredelte, wie der Gärtner die Rosen pflegen mußte, ehe sie so kühlweiße Kelche hatten mit zwei blutrosigen Hüllenblättern.
Aber alle Sprachen sind ungepflegt, sind Stückwerk. Keine von ihnen kann die Nuancen geben.
Schade! Worte sind doch alles.