„Doktor, es ist doch wahr! Die Mama ist eine liebe, süße Frau! Aber sie ist so kindisch!“
„Wirst Du wohl nicht so despektierlich reden, Du Racker! Das glaube ich schon, daß sie Dich nicht klein kriegt!“
„Nein, und in der Schule haben sie mich auch nicht klein gekriegt. Seit Oktober mit der Ia durch, Doktor, ein Jahr jünger als alle andern und prima omnium natürlich. Das wundert Sie doch nicht, alter Mentor? Mama hat mir oft genug erzählt, daß Sie mich schon im zarten Kindesalter für „geistig abnorm begabt“ erklärt haben. Inzwischen hat sich das ja etwas ausgeglichen und es gleicht sich wohl noch weiter aus. Wenn ich heirate, werde ich wohl einen normalen Geist aufzuweisen haben, und wenn ich silberne Hochzeit feiere...“
Der Doktor lachte Tränen.
„Mone, Du warst immer eine Perle und das bist Du geblieben.“
Als das junge Mädchen gegangen war, verfiel Rodenberg wieder in das stumme Brüten, das er sich in den letzten Jahren angewöhnt hatte.
Seine Gedanken flogen zurück in die Zeiten, von denen Monika gesprochen.
In der geistigen Vereinsamung, in der er hier immer gelebt, war es ihm geradezu ein Genuß gewesen, die empfängliche Kindesseele zu bilden, Monikas auffallend früh entwickeltem Geiste stets neue Nahrung zu geben. Mit dem Interesse des Arztes und Forschers hatte er beobachtet, wie gierig das Kinderhirn jeden Eindruck verarbeitete, wie jedes Wort auf fruchtbaren Boden fiel.
Für den Doktor war es ein Schlag, daß Birkens fortzogen. Es wäre ihm eine wahrhafte Freude gewesen, Monika auch fernerhin geistig zu formen. Auch war das Birkensche Haus das einzige, in dem er verkehrte. In seinem öden Leben war die strahlende Freundlichkeit der Baronin Birken ein Lichtpunkt gewesen.
Die lebhafte, hübsche Frau mit der unnatürlich schlanken Taille und der kunstvollen Frisur hatte eine ausgesprochene Vorliebe für den Doktor.