Monika begann. Aber die Teufelin, der niemals etwas schnell genug ging, kam von ihrer Idee zurück. „Nein, jetzt nicht vorlesen. Ich werde einen Extrakt des Stückes geben, und dann wollen wir uns erst über die Rollenbesetzung einig werden. Also — —“

Eine kleine Kunstpause.

Marie bemühte sich krampfhaft, ihr Interesse zu verbergen, indem sie mit unbeweglicher Miene aus den Fransen der Tischdecke Zöpfchen flocht.

„Also die Szene zeigt zwei Leutnants. Der eine von ihnen, seit kurzer Zeit glücklich verheiratet, redet dem andern zu, sich endlich auch Hymens Rosenfesseln anlegen zu lassen. Der Freund versichert, daß er durchaus nicht abgeneigt wäre, daß ihm aber die Wahl arges Kopfzerbrechen mache. Hierauf verabschiedet sich der Freund. Der Junggeselle bleibt allein und schläft ein.“

Marie stieß einen höhnischen Laut aus, worauf Monika sich in Positur setzte wie ein junger Kampfhahn. Sie fragte: „Sag’ mal, warum soll der Leutnant nicht einschlafen?“

„Hierauf erscheint die Phantasie und sagt dem Schlafenden, sie wolle ihm die jungen Damen zeigen, unter denen er wählen könne. Die Phantasie hebt ihren Zauberstab, und es erscheinen, begrenzt von einem Bilderrahmen, nacheinander die Typen der weiblichen Wesen, die den Leutnant mit ihrer Hand beglücken möchten: Sportdame, Salondame, Studentin. Sie alle lassen unseren Helden kalt. Aber als zum Schlusse das ganz unmodern erzogene, altmodisch-holdselige Mädchen erscheint, das bei Mama kochen lernt und in ihrem kleinen Herzen eine große Liebe für diesen Leutnant trägt, da wählt er sie zu seiner Lebensgefährtin.“

Einen Augenblick Stillschweigen.

„Der Sieg der Tugend,“ sagte Monika mit bescheiden niedergeschlagenen Augen.

Frau von Holtz, der die Tendenz des Werkes erst jetzt so recht aufging, zog Monika liebevoll zu sich heran und bat ihr im stillen vieles ab.

Wie nett und moralisch das liebe Kind das doch gedichtet hatte.