„Also, Tantchen, Onkel holte mich vom Zuge ab, und als wir in den Schlitten wollten, kam der Drehrower Bärenstein auf Onkel zu und fragte den Onkel was wegen des neuen Kreisdeputierten. Da gingen wir alle drei noch in die Bahnhofswirtschaft und tranken Grog und der Drehrower erzählte so schrecklich langweilige Sachen, von Politik und so... Da schlich ich mich davon und auf den Schlitten. Der dicke Friedrich war nicht da, wohl wegen des Gepäckes. Da bin ich einfach losgefahren. Es war großartig. Bitte, bitte, nicht böse sein! Ich wollte gern schnell zu Dir.“
Von neuem fiel Monika der Tante um den Hals.
Da lächelte die, schon fast versöhnt, und klingelte den Diener herbei, der gleich wieder zur Station fahren sollte.
Marie verließ mit einem halblauten „Unglaublich“ das Zimmer.
„Nicht, Tante, Du bist mir nicht böse?“ bettelte Monika.
„Na, weil’s der erste Tag ist. — Aber Du mußt wirklich vernünftiger werden, Kind. — — Und nun laß Dich doch mal endlich ordentlich ansehen.“
Mit prüfendem Blick musterte Frau von Holtz ihre Nichte.
„Wie Du gewachsen bist! — Und hübscher geworden bist Du auch! — — Ordentlicher leider immer noch nicht!“ — — Mit bedenklichem Kopfschütteln faßte Frau von Holtz nach einem halbabgerissenen Knopfe an Monikas Mantel.
„Ach, für die Sachen, die ich anhabe, lohnt sich’s gar nicht, ordentlich zu sein! — — So schöne Stoffe bekomme ich ja doch nicht!“ Mit liebevoller Vorsicht strich Monika über das schwarzseidene Kleid von Frau von Holtz. „Und so schön werd’ ich auch nicht wie Du, Tante. O das wunder-wunderschöne weiße Haar und die stahlblauen Augen! Wie eine Marquise siehst Du aus, natürlich eine vom ancien régime! Zu schade, daß die Marie davon nichts abbekommen hat. Aber die sieht genau aus wie Onkel. Ich ähnele Dir doch viel mehr als Deine Tochter. Nicht?“
„Ja, entschieden. — Aber nun laß Dir Dein Zimmer zeigen, kleine Plaudertasche.“