Das Theater 'Ammān.
Zunächst mußte nun zu den Arabern geschickt werden. Nach einer Beratung entschieden wir uns für die Da'dja, einen Stamm der Belkaaraber, als für die nächsten und wahrscheinlich geeignetsten, und ein Bote wurde in ihr Lager entsandt. Wir verbrachten den Morgen mit Besichtigung der Ruinen und Betrachtung einer Menge Kupfermünzen, die Namrūds Pflugschar zu Tage gefördert. Lauter römische; eine zeigte undeutlich die Züge Konstantins, andre waren älter, keine entstammte der jüngeren byzantinischen Periode oder der Zeit der Kreuzzüge. Soweit die Münzfunde Zeugnis ablegen können, liegt Tneib seit dem Eindringen der Araber verödet. Namrūd hat die Totenstadt entdeckt, die Gräber aber leer gefunden; wahrscheinlich wurden sie schon vor Jahrhunderten ausgeplündert. Sie waren zisternenartig und in die Felsen gehauen. Zwischen zwei massigen Steinsäulen ein schmaler Eingang dicht über dem Erdboden, einige wenige Vorsprünge zum Hinabsteigen in den Seitenwänden, im unteren Raume Nischen, die in übereinander liegenden Reihen rund um die Mauern liefen. Fast am Fuße des Südabhanges sahen wir die Grundmauern eines Gebäudes, das eine Kirche gewesen sein mochte. Aber das alles war nur ein zu armseliges Ergebnis für die Forschung eines ganzen Tages; wir machten deshalb am goldenen Nachmittag einen zweistündigen Ritt nordwärts in ein breites, zwischen niederen Hängen liegendes Tal. Um den ganzen Rand desselben lagen in Zwischenräumen Ruinen, und nach Osten zu standen verfallene Mauern auch in der Mitte des Tales, — Namrūd nannte die Stelle Kuseir es Sahl, die kleine Wüstenburg. Unser Ziel aber war eine kleine Gruppe von Gebirgen am Westende, Chureibet es Suk. Zunächst kamen wir an ein kleines, halb im Sand begrabenes Bauwerk (41 Fuß zu 39 Fuß 8 Zoll, größte Ausdehnung von Ost nach West). Zwei Sarkophage zeigten an, daß es ein Mausoleum gewesen. In der Westwand war ein bogengeschmücktes Tor; den Pfeilerbogen krönte ein flaches Gesims. In der Höhe des Bogens verschmälerten sich die Mauern um einen kleinen Vorsprung, und etwas höher lief eine geschweifte Kranzleiste. Ein paar Hundert Meter westwärts von dem Kasr oder der Burg (die Araber benennen die meisten Ruinen Burg oder Kloster) liegt ein zerfallener Tempel, der augenscheinlich in irgend einer Zeit einem anderen Zwecke gedient hat, als dem ihm von der Natur zukommenden, denn er zeigte eingestürzte Mauern um die beiden Reihen von je sieben Säulen und unerklärliche Querwände an der westlichen Seite des Säulenganges. Dahinter schien ein doppelter Hof gelegen zu haben, und noch weiter nach Westen hin befand sich ein ganzer Komplex von zerfallenem Mauerwerk. Das Tor sah nach Osten hin, seine Pfeiler zeigten feine Steinmeißelungen: ein Band, eine Palmette, ein zweites glattes Band, eine Weinranke, eine Haspel und Weife, einen Pfeil und eine zweite Palmette auf der oberen Leiste. Das Ganze ähnelte außerordentlich den Kunstwerken in Palmyra — es konnte kaum den Vergleich aushalten mit dem Steinbildwerk in Mahitta, war überhaupt nüchterner und den klassischen Mustern näher verwandt als jene Architektur. Nördlich vom Tempel stand auf einer kleinen Reihenerhebung noch eine Ruine, ein zweites Mausoleum. Es war ein längliches Rechteck aus großen, sorgsam ohne Mörtel gefügten Steinen. An der südöstlichen Ecke führte eine Treppe in eine Art Vorzimmer, das dank dem abfallenden Abhang in gleicher Höhe mit der Ostseite lag. An der Außenwand dieses Vorraums standen Säulenstümpfe, vermutlich die Überreste eines schmalen Säulenganges, der die Ostfassade geschmückt. Sechs Sarkophage standen längs der noch vorhandenen Mauern, je zwei an der Nord-, Süd- und Westwand. Über der Basis der zu beiden Seiten der Treppe befindlichen Säulen lief ein Fries, der einen kühnen Torus zwischen beiden Wänden aufwies, und dasselbe Motiv wiederholte sich auf der Innenseite der Sarkophage. Die Stützmauer auf der Südseite zeigte zwei Vorsprünge, im übrigen war das Gebäude ganz einfach, nur einige der umherliegenden Fragmente schmückte ein lockeres Weinrankenmuster. Dieses Mausoleum erinnert an das Pyramidengrab, das in Nordsyrien vielfach vorkommt, wenn ich auch kein zweites so weit südlich gesehen habe. Es mag vielleicht einst dem schönen Denkmal mit der Säulenfassade geähnelt haben, das eine der Sehenswürdigkeiten des südlichen Dāna ist, und die Fragmente von Weinrebenskulptur waren vielleicht Teile der Krönung.
Torweg 'Ammān.
Als ich kurz vor Sonnenuntergang zu meinen Zelten zurückkehrte, erfuhr ich, daß der Bote, den wir am Morgen abgesandt, sich unterwegs aufgehalten hatte und, erschreckt durch die vorgerückte Stunde, umgekehrt war, ohne seinen Auftrag auszurichten. Das war ärgerlich genug, war aber nichts im Vergleich zum Betragen des Wetters am nächsten Morgen. Ich erwachte, um die ganze Gegend in Nebel und Regen getaucht zu sehen, den ganzen Tag jagte der Südwind einher, und der Regen schlug an unsre Zeltwände. Am Abend brachte Namrūd die Kunde, daß Gäste bei ihm eingekehrt seien. Es befanden sich nämlich ein oder zwei Meilen entfernt einige Suchūrzelte (das Gros des Stammes hielt sich noch weit im Osten auf, wo das Winterklima weniger rauh ist), und der lange Regentag war für die männlichen Bewohner zu viel geworden. Sie hatten ihre Rosse bestiegen und waren nach Tneib geritten, mochten die Frauen und Kinder sehen, wie sie durch die Nacht kamen. Ein Plauderstündchen nach dem langen, feuchten Tag war verlockend, ich schloß mich der Gesellschaft an.
Namrūds Höhle läuft weit in die Erde hinein; sie muß sich bis in die Mitte des Tneibberges erstrecken. Mit Ausnahme der niedrigen Schlafstellen und der Krippen für das Vieh, die in die Wände eingehauen sind, ist der erste Raum augenscheinlich natürlichen Ursprungs. Ein enger, durch die Felsen gebrochener Gang führt in ein kleines Gelaß, hinter welchem noch mehrere andere liegen, die ich aber auf Treu und Glauben hinnahm, da die schwüle, eingeschlossene Luft und die zahllosen Fliegen mich von weiterer Besichtigung abhielten. An diesem Abend bot die Höhle ein so urwüchsiges, wildes Bild, daß selbst der abenteuerlichste Geist davon befriedigt sein mußte. In rote Lederstiefel und gestreifte, regendurchweichte Mäntel gehüllt, saßen zehn bis zwölf Araber in der Mitte um das Reisigfeuer, in dessen Asche die drei Kaffeetöpfe standen, die von der Wüstengastlichkeit untrennbar sind. Hinter ihnen kochte eine Frau Reis über einem helleren Feuer, das flackernde Lichter in die Tiefen der Höhle und auf Namrūds Vieh warf, das, an seinen Felsenkrippen stehend, gemächlich seinen Häcksel zermalmte. Nachdem man mir einen verhältnismäßig sauberen Platz im Kreise eingeräumt und eine Tasse Kaffee gereicht hatte, ging die Unterhaltung weiter, solange als ein Mann seine arabische Pfeife fünfmal rauchen konnte. Sie drehte sich hauptsächlich um die Schandtaten der Regierung. Der Arm des Gesetzes, oder vielmehr die gepanzerte Faust der Ungerechtigkeit ist ein beständig drohender Schrecken am Saum der Wüste. Dieses Jahr war sie, infolge der Anforderungen des Krieges, zu unheimlicher Tätigkeit veranlaßt worden.
Tempel, Chureibet es Suk.