Haupt einer Sphinx, Antiochien.

Von den Tempeln, die dieses schönste aller Heiligtümer zierten, ist keine Spur geblieben; Erdbeben und stürzende Bäche haben sie von den Bergen in die Schluchten gefegt. Aber die Schönheit der Gegend hat nicht verloren seit jenen Tagen, als die Bürger der üppigsten Stadt des Ostens mit den Mädchen tändelten, die dem Gott dienten. Nicht brausend bricht der Strom aus der Seite des Berges hervor, wird er doch in einem tiefen, stillen Weiher geboren, der, in ein Gewand aus Mädchenhaar-Farn gehüllt, zwischen Dickichten verborgen liegt, »die alles Leben zu süßem Traum mit Grün umweben«. Aus dem Weiler geht ein durchsichtiger, spiegelglatter, schmaler und tiefer Bach hervor; bald aber staut er sich und bildet Wirbel und Wasserfälle, die ihren weißen Schaum in das Gezweig von Maulbeerbaum und Platane hinaufschleudern. Unter den Bäumen drehen sich elf Wassermühlen; die zerlumpten Müller bilden die einzige Bewohnerschaft von Apollos Heiligtum. Sie brachten uns Walnüsse, an den Ufern des Stromes zu essen, und kleine, antike Steine, die aus den Schmuckstücken derer gefallen waren, die an dem Gestade dieses Stromes wohl weniger harmlosen Vergnügungen nachgingen als wir.

Daphne.

Man kann unmöglich in Nordsyrien reisen, ohne von einem lebhaften Interesse für die Seleucidenkönige ergriffen zu werden, das durch die Anerkennung ihrer hervorragenden Taten in Politik und Kunst noch gefestigt wird; ich beschloß daher, ehe ich mich nordwärts wenden würde, noch die Gegend von Seleucia Pieria, den Hafen von Antiochien und die Begräbnisstätte von Seleucia Nicator aufzusuchen. Binnenstadt und Hafen entstanden zu gleicher Zeit; beide waren Teile desselben großen Planes, der aus der Gegend des unteren Orontes eine reiche und bevölkerte Handelsstätte schuf. In jenen Tagen konnten Könige mit einem Winke ihres Szepters weltberühmte Städte ins Leben rufen, und die Seleuciden säumten wahrlich nicht, dem Beispiele zu folgen, das Alexander ihnen gegeben. Wie Apamea, so ist auch Seleucia zur Größe eines Dörfchens zusammengeschrumpft, oder besser gesagt, es hat sich in mehrere Dörfer zersplittert, die der Name Sweidijjeh deckt. (Da jede Gruppe Farmhäuser oder Hütten ihren eignen Namen führt, kann man sich in den Ortsbezeichnungen schwer zurechtfinden.) Das weite Auseinanderwohnen der Leute in den Dörfern am Orontes ist in ihrer Beschäftigung begründet. Ihre Tätigkeit als Seidenwurmzüchter erfordert im Frühling einen Monat lang die ununterbrochene Anwesenheit des Besitzers im Mittelpunkt seiner Maulbeerbaumplantagen, so daß der Mann durch deren ganze Ausdehnung von seinem Nachbar getrennt ist. Nach dreistündigem Ritt durch eine prächtige Gegend voll Myrtengebüsch und Maulbeerbaumhaine erreichten wir die Militärstation Sweidijjeh, das wichtigste der verstreut liegenden Dörfer. Und hier geschah es zum ersten und einzigen Mal auf meiner Reise, daß ich von einem Beamten (er hatte offenbar der Arrakflasche zugesprochen) nach meinem Paß befragt wurde. Nun besaß ich keinen Paß, ich hatte ihn im Djebel Zawijjeh mit meinem Mantel zugleich eingebüßt, und daß ich durch das halbe Ottomanenreich ohne papiernen Anhang an meinen Namen reisen konnte, beweist, wie wenig sich der türkische Beamte um seine Regierungsbefehle zu kümmern braucht. Da der mich begleitende Zaptieh mit ziemlichem Eifer erörterte, daß es ihm sicherlich nicht erlaubt gewesen sein würde, mich zu begleiten, wenn ich nicht eine achtbare und gutbeleumdete Persönlichkeit wäre, durften wir weiterreisen. Die Veranlassung zu solch ungewöhnlichem Pflichteifer wurde uns bald klar: die Küstendörfer beherbergen große Kolonien Armenier und sind von Militärstationen umgeben, welche die Bewohner abhalten sollen, sowohl nach anderen Orten im Binnenlande des Reiches, als zur See nach Cypern zu entweichen. Die Ankunft und Abreise der Fremden wird sorgsam überwacht. Der Reisende sollte stets als Hauptpunkt im Auge haben, sich nicht in die armenische Frage verwickeln zu lassen. Es war die stillschweigende Überzeugung der Gelehrten des Mittelalters, daß eine unlösbare Frage überhaupt nicht existierte. Es könnte ja Dinge mit ernstlichen Schwierigkeiten geben, aber wenn man sie der richtigen Person unterbreitete — z. B. irgend einem Araber in Spanien, der durch gründliches Studium in Einzelheiten eingeweiht ist, in die man selber lieber nicht einzudringen versucht — so würde man sicher die rechte Lösung erfahren. Der Kernpunkt wäre, nur die passende Person zu finden. Heutzutage sind wir von diesem Glauben abgekommen. Die Erfahrung hat gelehrt, daß es leider viele für den Menschengeist unlösbare Probleme gibt, und ein beträchtlicher Teil davon fällt dem Türkenreich zu. Ein solches Problem ist die armenische Frage, und ein zweites die mazedonische.

Mit dem Entschluß, nicht einem Grundsatz untreu zu werden, der, wie ich überzeugt war, viel zu einer glücklichen und erfolgreichen Reise beigetragen hat, ritt ich nach Chaulīk, dem Hafen des alten Seleucia, hinab. Mein Entschluß war um so leichter durchzuführen, als die Armenier fast nur Armenisch und Türkisch sprachen; jedenfalls genügten die wenigen arabischen Worte, deren einige mächtig waren, nicht, um eine eingehende Schilderung ihrer Leiden zu geben, und der Mann, der mir diesen Nachmittag als Führer diente, war mit so heiterer Gemütsstimmung begnadigt, daß er sicher ein anderes Gesprächsthema vorgezogen hätte. Ibrahim war der Name des helläugigen, klugen Mannes, und sein Frohsinn verdiente in der Tat Lob, da sein jährliches Einkommen sich auf nicht mehr als 400 Piaster (kaum 40 Mark deutsches Geld) belief. Davon gedachte er noch genug zu erübrigen, um die türkischen Beamten im Hafen zu bestechen, damit sie ein Auge zudrückten, wenn er in einem offenen Boote nach Cypern entwich. »Denn,« sagte er, »hier ist kein anderer Erwerb als die Seidenraupenzucht, die aber schafft mir nur zwei Monate vom Jahre Arbeit, und in den anderen zehn kann ich nichts tun und nichts verdienen.« Er erzählte mir auch, daß die Nosairijjeh, welche die umliegenden Dörfer bewohnten, unangenehme Leute wären.

»Ist Fehde zwischen euch?« fragte ich.

»Ey, wāllah!« sagte er mit Nachdruck und illustrierte seine Behauptung durch den langen Bericht eines vor kurzem ausgebrochenen Streites, der, soviel ich ausmachen konnte, gänzlich den Übergriffen der Armenier zu verdanken war.

»Aber ihr hattet zuerst gestohlen,« wendete ich ein, als er zu Ende war.