»Ja,« sagte er, »die Nosairijjeh sind Hunde.« Und lächelnd fügte er noch hinzu: »Ich saß darauf zwei Jahre lang im Gefängnis zu Aleppo.«
»Bei Gott! Ihr hattet es verdient,« bemerkte ich.
»Ja,« gestand er mit gleicher Heiterkeit ein.
Und das war, wie ich mich freue, konstatieren zu können, alles, was Ibrahim zur Beleuchtung der armenischen Frage beitrug.
Die Bucht von Seleucia ist dem Golf von Neapel nicht unähnlich und kaum weniger schön. Eine jähe Bergwand, mit Felsengräbern und Höhlen durchsetzt, bildet den Hintergrund der Maulbeerbaumanpflanzungen und schließt, einen Bogen bildend, die Bucht auch nach Norden hin ab. Unterhalb der Felswand liegen die Mauern und die Wassertore des Hafens, der durch eine Sandbank vom offnen Meere getrennt ist. Durch Sand und Schlamm fließt der Orontes weiter nach Süden, und eine steile Bergkette, die an ihrem Südende zu dem lieblichen Berg Cassius ansteigt, schließt die Aussicht ab. Der letztere Berg ist gleichsam der Vesuv der Landschaft. Ich schlug mein Lager an der Nordgrenze in einer kleinen Grotte auf. Sie war von der übrigen Bai durch einen niederen Ausläufer getrennt, der in einem mit Ruinen bedeckten Vorgebirge endete und den Ausblick über die gesamte Küste bot. Ich weidete mich in dem Gedanken, daß gerade an dieser Stelle Tempel und Grab von Seleucus Nicator gestanden hatten, obgleich ich nicht weiß, ob die genaue Lage je festgestellt worden ist. Am Strande befand sich ein isolierter Raum, in dem eine von Säulen getragene Halle ausgegraben worden war. Eine frische, salzige Brise durchwehte den nach dem Meere duftenden Raum: ein echter Tempel für Nymphen und Tritonen. Auf schmalen Pfaden und einer ehemaligen Fahrstraße führte mich Ibrahim über die steilen Klippen hin nach der auf dem höchsten Punkt des Plateaus gelegenen oberen Stadt. Wie er sagte, braucht man sechs Stunden zu einem Gang um die Ringmauer der oberen Stadt; es war nur zu heiß, um seine Behauptung auf die Probe zu stellen. Wir stiegen in eine große Anzahl der künstlichen Höhlen hinein, wovon viele keine Grabnischen aufwiesen; sie mögen wohl eher zu Wohnräumen und Vorratskammern bestimmt gewesen sein. Um diese Zeit waren alle Höhlen von Seidenwurmzüchtern bewohnt, die jetzt, wo die Larven aus den Eiern schlüpften, ihre geschäftigste Zeit hatten. Am Eingang jeder Höhle hing ein Büschel grüner Zweige, um die Sonne auszuschließen, und angenehm schimmerte das Licht des Nachmittags durch das knospende Gezweig. Am Südende der Klippe lag ein großer Begräbnisplatz, der aus kleinen, ringsum mit Grabnischen besetzten Höhlen und Steinsarkophagen bestand. Diese letzteren trugen, wenn überhaupt Schmuck daran war, das Girlandenmuster der Sarkophage zu Antiochien. Die bedeutendste Gräbergruppe befand sich am Nordrande der Klippe. Man betrat sie durch einen mit Säulen bestandenen Portikus, welches in ein doppeltes Gewölbe führte. Das größere enthielt zwischen 30–40 Grabnischen und ein paar Gräber mit Baldachinen, die aus dem Felsen selbst gehauen waren. Das kleinere barg etwa halb so viel Grabnischen. Das Dach wurde von Säulen und viereckigen Wandpfeilern getragen, ich bemerkte über den Gräbern auch grob ausgehauenen Fries mit teils efeuartigen, teils ausgezähnten Blättern.
Der Garīz.
Den Erbauern von Seleucia scheint die Verteilung des Wasservorrats viel zu schaffen gemacht zu haben. Ibrahim zeigte mir einen auf dem Felsen hinlaufenden Kanal von etwa zwei Fuß Weite bei fünf Fuß Höhe, der drei bis vier Fuß unterhalb der Oberfläche ausgehauen war und Wasser von einem Ende der Stadt zum anderen leitete. Durch gelegentliche Luftlöcher oder Spalten in der äußersten Felsenwand konnten wir seinen Lauf verfolgen. Ein äußerst schwieriges Problem muß die Regulierung des Flusses gewesen sein, der nördlich der Stadt eine Schlucht hinabstürzte. Man hatte einen riesigen Tunnel durch den Ausläufer bis südlich von meinem Lager gehauen, um das Wasser nach dem Meere zu leiten, damit es die Häuser am Fuße der Klippe nicht überschwemmte. Der Garīz, wie der Name dieses Tunnels ist, begann an der Mündung eines engen Hohlwegs, erstreckte sich einige hundert Meter weit durch Felsenmassen und setzte sich dann bis zum Ende des Ausläufers als ein tiefer, oben offner Einschnitt fort. Am Eingang des Tunnels befand sich in scharf ausgehauenen Buchstaben eine Inschrift. »Divus Vespasianus« begann sie, aber der Rest verschwand unter dem felsigen Boden. Es gab auch noch einige andere Inschriften am Garīz entlang: alle waren lateinisch, ich denke mir, das Werk ist nicht seleucischer, sondern römischer Herkunft.
Die Statue im Maulbeerbaumhain.