Noch zu einem anderen Besuch ließ ich mich durch Ibrahim verleiten. Wenn ich ihm durch die Maulbeeranlagen am Fuße der Klippe folgen wollte, erklärte er, würde er mir »eine Person, aus Stein gemacht« zeigen. Nun war meine Neugierde zwar durch die Hitze und den langen Marsch schon etwas gelähmt, aber ich schleppte mich doch durch die Steine und andere Hindernisse mühsam zurück und fand, unter einem Maulbeerbaum sitzend, einen bärtigen, mit Gewändern angetanen Gott. Ein sehr majestätischer Gott war er nicht. Seine Haltung war steif, das Gewand roh ausgehauen, die obere Hälfte seines Kopfes dahin, aber die tiefstehende Sonne vergoldete seine Marmorschulter, und die Zweige der Bäume flüsterten von seiner einstigen Würde. Als wir uns neben ihn gesetzt hatten, bemerkte Ibrahim:

»Auf diesem Felde ist auch noch jemand begraben, eine Frau, aber sie ist tief unter der Erde.«

»Habt Ihr sie gesehen?« forschte ich.

»Ja, der Herr des Feldes hat sie begraben, weil er glaubte, sie brächte ihm Unglück. Vielleicht gräbt er sie aus, wenn Sie ihm Geld bieten.«

Ich ging auf den Vorschlag nicht ein; wahrscheinlich blieb die Frau besser der Einbildung überlassen.

Dicht an der Statue sah ich einen langen modellierten Sims; vermutlich hatte er eine Mauer gekrönt, die jetzt im Getreidefeld vergraben lag. Es bietet sich hier viel Gelegenheit zu Entdeckungen, aber die Ausgrabungen werden wegen der tiefen Schlammschicht und der Ansprüche der Besitzer von Maulbeerbaumhainen und Getreidefeldern hoch zu stehen kommen. Die Stadt bedeckt eine ungeheure Fläche, und das Nachgraben kann jahrelang dauern, wenn gründlich vorgegangen werden soll.

Bei meinen Zelten schlich ein träger Strom durch Büschel gelber Iris und bildete einen Tümpel im Sande, der für unsre Tiere und die Ziegenherden Wasser lieferte, welche von armenischen Hirtenknaben früh und spät am Meeresufer gehütet wurden. So reizvoll war der Ort, und das Wasser so herrlich, daß ich einen ganzen müßigen Tag dort zubrachte, den ersten wirklich müßigen, seit ich Jerusalem verlassen, und da ich nun einmal Seleucia nicht gründlich erforschen konnte, wollte ich auch nicht mehr davon sehen, als von meiner Zelttür aus möglich war. Diesem löblichen Entschluß verdanke ich 24 Stunden, an die ich mit lebhaftester Befriedigung zurückdenke, wenn ich auch weiter nichts davon zu berichten weiß, als daß ich nicht ganz so leicht, wie ich gehofft hatte, der armenischen Frage entgehen sollte. Am Morgen wurde mir ein langer Besuch von einer Frau, die von Kabuseh herabgekommen war, einem Dorfe auf der Höhe der über dem Garīz gelegenen Schlucht. Sie sprach Englisch, hatte es in den Missionsschulen zu 'Aintāb, ihrer Heimat in den kurdischen Bergen, gelernt. Kymet nannte sie sich. Sie hatte 'Aintāb bei ihrer Verheiratung verlassen und diesen Schritt nie zu bereuen aufgehört, denn ihr Gatte war zwar ein guter und ehrbarer Mann, aber doch so arm, daß sie nicht wußte, wie sie ihre beiden Kinder aufziehen sollte. Außerdem waren, wie sie sagte, die Leute in der Gegend von Kabuseh, Nosairijjeh sowohl als Armenier, alle Räuber, und sie erbat sich meine Hilfe, um nach Zypern entkommen zu können. Sie erzählte mir auch ein seltsames Stück Familiengeschichte, welches, wenn man es nicht als Beweis behördlicher Bedrückung zitieren will, doch dartut, wie traurig die Lage der Sekten in einem mohammedanischen Lande sein muß. Als Kymed selbst noch Kind gewesen, war ihr Vater zum Islam übergetreten und zwar hauptsächlich deswegen, weil er eine zweite Frau zu nehmen wünschte. Kymets Mutter hatte die ihr angetane Schmach nicht ertragen können, sie hatte ihn verlassen und ihre Kinder erhalten, so gut es gehen wollte. Der bittre Zwist hatte, nach der jungen Frau Versicherung, ihre eigne Jugend vergiftet. Am nächsten Morgen schickte sie ihren Gatten mit einem Huhn und einem Gedicht, das sie selbst auf Englisch niedergeschrieben hatte. Das Huhn bezahlte ich, aber die Verse waren unbezahlbar. Sie lauteten:

»Willkommen, willkommen, Geliebteste, dein Kommen beglückt uns!
Für dein Kommen willkommen! Willkommen deine Ankunft!
Laßt uns singen mit Freuden, mit Freuden, mit Freuden, ihr Knaben, mit Freuden!
Die Sonne scheint nun mit dem Mond so klar, mit süßem hellen Schein, ihr Knaben:
Für dein Kommen willkommen, ihr Lächeln heißt dich willkommen!
Die Bäume senden uns, teure Knaben, die Vögel jubeln voll Glück;
Der süße Duft spricht dir willkommen! Willkommen dir ihr froher Sang!
Ich verbleibe
Ihr getreuer

George Abraham

Für den Fall, daß das Gedicht für vielversprechend erachtet werden sollte, beeile ich mich noch hinzuzufügen, daß nicht etwa George Abraham der Verfasser war — bei den Verhandlungen über das Huhn fand ich heraus, daß er kein Wort Englisch konnte. Kymet hatte ihres Mannes Namen lediglich benutzt, weil er eine gewichtigere Unterschrift abgab, als der ihre. Überdies sind die in den Versen erwähnten Knaben nur rhetorische Figuren. Auch kann ich keine Vermutung darüber aussprechen, was die Bäume uns senden; in diesem Punkte scheint der Text unklar. Vielleicht ist »uns« als Akkusativ gedacht.