Ich verließ Seleucia mit wirklichem Bedauern. Noch vor Tagesanbruch ging ich hinab in die See, um zu baden; zarte Wolkenschleier lagen über den Berghängen, und als ich in das laue Wasser hinausschwamm, vergoldeten die ersten Strahlen der Morgensonne das schneeige Haupt des Berges Cassius, der einen so bezaubernd schönen Abschluß für das Halbrund der Bai bildet.

Auf demselben Wege, den wir gekommen, kehrten wir nach Antiochien zurück und schlugen unsre Zelte außerhalb der Stadt an der Landstraße auf. Zwei Tage später brachen wir früh 6½ Uhr zu einem langen Ritt nach Alexandretta auf. Während der ersten Meilen war der Weg abscheulich; tiefe Schlammlöcher wechselten mit kurzen gepflasterten Stellen ab, die jedoch kaum bequemeres Vorwärtskommen ermöglichten als der Morast selbst. Nach drei Stunden erreichten wir das Dorf Kāramurt; ¾ Stunden später verließen wir die Straße und ritten bei einer verfallenen Karawanserei, die Spuren schöner arabischer Arbeit aufwies, direkt in das Gebirge hinein. Der Pfad führte steile, erdbedeckte Hänge hinauf und hinab, durch blühende Dickichte aus Ginster, Judasbäumen und den auf der Erde hinkriechenden Cistenrosen. Zur Linken sahen wir das malerische Kastell Baghrās, das alte Pagrae, einen Berggipfel krönen. Ich glaube nicht, daß die Gebirgsgruppe nördlich von Antiochien jemals systematisch erforscht worden ist, vielleicht kommen dort noch Teile seleucidischer oder römischer Befestigungswerke zu Tage, die den Eingang zu dieser Stadt bewachten. Bald lenkten wir in die alte, gepflasterte Straße ein, die steiler dahinführt als der neuere Fahrweg, und nachdem wir ¾ Stunden gerastet hatten, um an den schattigen Ufern eines Flusses zu frühstücken, erreichten wir den höchsten Punkt des Bailānpasses um 1 Uhr. Hier bogen wir in die Hauptstraße von Aleppo nach Alexandretta ein. Ich konnte keinerlei Spuren von Befestigungen an den Syrischen Toren bemerken, wo Alexander umkehrte und nach der Ebene von Issus zurückmarschierte, um Darius zu begegnen, aber der Paß ist sehr eng und muß leicht gegen Eindringlinge von Norden her zu verteidigen gewesen sein. Es ist das der einzige für eine Armee gangbare Paß über den zerklüfteten Berg Amanus. Eine Stunde davon befindet sich das Dorf Bailān; seine wundervolle Lage an der Nordseite der Berge bietet den Überblick über die Bucht von Alexandretta nach der wilden Cilicianischen Küste und der weißen Tauruskette. Ein etwa vierstündiger Ritt brachte uns von Bailān nach Alexandretta.

Als wir auf grünen, blumenbesäten Hängen, den letzten Syriens, dem schimmernden Meere zutrabten, entspann sich zwischen mir und Michaïl ein Gespräch. Wir blickten, wie Reisegefährten zu tun pflegen, noch einmal auf unsre Reiseerlebnisse zurück, erinnerten uns der Abenteuer, die uns zu Wasser und Land beschieden gewesen, und endlich sagte ich:

»Oh Michaïl, diese Welt ist schön, wenn auch mancher ihr Übles nachredet, und die Kinder Adams sind meist gut und nicht böse.«

»Es geht alles nach Gottes Willen!« sagte Michaïl.

»Ohne Zweifel,« entgegnete ich. »Aber denken wir an alle die zurück, denen wir auf der Reise begegnet sind. Wie haben sie sich gefreut, wenn sie uns helfen konnten, und wie gut haben sie uns aufgenommen. Gleich zu Anfang hatten wir Habīb Fāris, der uns geleitete, dann Namrūd und Gablān —«

»Mascha'llah!« fiel Michaïl ein, »Gablān war ein vortrefflicher Mann. Habe ich doch noch keinen Araber gesehen, der so wenig gierig war, kaum daß er die Speisen kosten wollte, die ich ihm vorrichtete.«

»Und Scheich Mohammed en Nassār,« fuhr ich fort, »sein Neffe Fāris und der Kāimakām von Kal'at el Husn, der alle von uns zwei Nächte beherbergte und bewirtete. Auch der Kāimakām von Drekisch — er veranstaltete uns zu Ehren ein Fest — und der Zaptieh Mahmūd« — hier knurrte Michaïl, denn mit Mahmūd hatte er auf gespanntem Fuße gestanden — »und Scheich Jūnis« fuhr ich hastig fort, »aber Mūsa, der Kurde, war doch der Beste von allen.«

Unterer Teil des Garīz.