Die Kaffeebohnen waren geröstet und gestoßen, und die Kaffeetöpfe summten am Feuer, als von Osten her drei Reiter kamen und vor dem offnen Zelt hielten. Es waren untersetzte, breitschulterige Männer mit auffallend unregelmäßigen Gesichtern und vorstehenden Zähnen. Während Platz im Kreis um das Feuer gemacht wurde, und die frierenden, durchweichten Männer ihre Hände über die Glut streckten, ging die Unterhaltung ununterbrochen weiter, denn es waren ja nur Scherarātmänner, die herab nach Moab gekommen waren, um Korn zu kaufen, und die Scherarāt sind zwar einer der größten und mächtigsten Stämme und die berühmtesten Kamelzüchter, sind aber von unreinem Blut, und kein Belkaaraber würde in ihren Stamm hineinheiraten. Sie haben keine bestimmten Weideplätze; selbst zur Zeit der großen Sommerdürre durchstreifen sie nur die innere Wüste, unbesorgt darum, daß sie oft tagelang kein Wasser finden. Die Unterhaltung an Nahārs Feuer drehte sich um meine Reise. Ein Suchūrneger, ein kräftiger Mann mit klugem Gesicht, wollte mich sehr gern als Führer in das drusische Gebirge begleiten, gestand aber, daß er sicherlich würde umkehren und fliehen müssen, sobald er das Gebiet jener tapferen Bergbewohner erreichte, denn es besteht unaufhörlich Fehde zwischen den Drusen und den Beni Sachr. Die Negersklaven der Suchūr werden von ihren Herren, die ihren Wert kennen, gut behandelt und genießen, da ein Abglanz von dem Ruhme des großen Stammes, dem sie dienen, auch auf sie fällt, einen gewissen Ruf in der Wüste. Schon war ich halb geneigt, trotz der Aussicht, meinen Neger im ersten Drusendorf möglicherweise als Leiche vor mir zu sehen, sein Anerbieten anzunehmen, als meine Gedanken durch die Ankunft eines neuen Gastes in eine neue Bahn gelenkt wurden. Es war ein großer, junger Mann mit feinem, hübschem Gesicht, ziemlich heller Gesichtsfarbe und langen, fast braunen Locken. Schon bei seiner Annäherung erhoben sich Nahār und die anderen Suchūrscheiche und küßten ihn, noch ehe er das Zelt betrat, jeder auf beide Wangen. Namrūd stand ebenfalls auf und rief ihm entgegen:
»Alles gut? Geb's Gott! Wer ist bei dir?«
Der junge Mann erhob die Hand und erwiderte:
»Gott.«
Er war allein.
Herden der Suchūr.
Ohne die übrige Gesellschaft anscheinend der Beachtung zu würdigen, haftete sein Auge auf den drei Scherarātscheichs, die am Eingang sitzend, Hammelfleisch und Quark aßen, und auf die fremde Frau am Feuer. Mit einem gemurmelten Gruß schritt er in den Hintergrund des Zeltes und schlug die ihm von Nahār dargebotene Speise aus. Es war Gablān, aus der Herrscherfamilie der Da'dja, und zwar ein Vetter des regierenden Scheichs. Wie ich in der Folge herausfand, hatte er erfahren — Neuigkeiten reisen schnell in der Wüste — daß Namrūd einen Führer für einen Fremdling brauchte, und war gekommen, um mich nach seines Onkels Zelten zu geleiten. Es waren nicht mehr als fünf Minuten seit seiner Ankunft vergangen, als Nahār Namrūd etwas ins Ohr flüsterte, worauf der letztere, sich mir zuwendend, vorschlug, daß wir nun, da das Essen vorüber, aufbrechen und Gablān mit uns nehmen wollten. Es überraschte mich, die Abendunterhaltung so kurzerhand abgebrochen zu sehen, aber ich hütete mich, Einwendungen zu machen, und als wir dann über Namrūds Ackerland und den Tneib hinaufsprengten, hörte ich den Grund. Es war Blutfehde zwischen den Da'dja und den Scherarāt. Auf den ersten Blick hatte Gablān die Abkunft der drei Männer erkannt und sich deshalb schweigend in die Tiefe des Zeltes begeben. Er wollte seine Hand nicht mit ihnen in dieselbe Hammelschüssel tauchen. Nahār kannte — wer wollte auch nicht? — die Schwierigkeit der Sachlage, und da er nicht wußte, wie die Scherarāt sich verhalten würden, hatte er uns, aus Furcht vor irgendwelchem Unfall, eilends weggeschickt. Aber am andern Morgen hatte sich die Luft geklärt (bildlich gesprochen, nicht in Wirklichkeit), und der lange Regentag sah die Todfeinde freundschaftlich um Namrūds Kaffeetöpfe in der Höhle sitzen.
Dieser dritte Regentag war mehr, als menschliche Geduld zu ertragen vermochte. Ich hatte mittlerweile ganz vergessen, was es heißt, nicht regenfeucht zu sein, warme Füße und trockne Betten zu haben. Gablān weilte am Morgen eine Stunde bei mir, um zu hören, was ich von ihm wollte. Ich erklärte ihm, daß ich vollständig befriedigt sein würde, wenn er mich so durch die Wüste und bis an den Fuß des Gebirges bringen könnte, daß ich keinen Militärposten zu Gesicht bekäme. Gablān dachte einen Augenblick nach.
»O meine Dame,« sagte er, »glauben Sie, daß Sie mit den Polizeisoldaten in Konflikt kommen könnten? Da will ich meine Flinte mitnehmen.«