Mschitta.

Namrūd und Gablān plauderten unaufhörlich. In der vergangenen Nacht waren noch spät zwei Soldaten an der Höhlentür erschienen und hatten, nachdem ihnen Einlaß gewährt worden, eine seltsame Geschichte erzählt. Sie hatten, so behaupteten sie, den Truppen angehört, die der Sultan aus Bagdad abgesandt hatte, um Ibn er Raschīd gegen Ibn Sa'oud zu Hilfe zu kommen. Sie erzählten, daß der letztere sie Schritt für Schritt bis an die Tore von Haīl, Ibn er Raschīds Hauptstadt zurückgetrieben, und daß Ibn Sa'oud, während die beiden Heere einander gegenüber lagen, mit nur wenig Begleitern vor seines Feindes Zelt geritten sei und seine Hand auf die Zeltstange gelegt habe, so daß der Fürst der Schammār ihn wohl oder übel eintreten lassen mußte. Und hier war ein Übereinkommen getroffen worden. Ibn er Raschīd erkannte Sa'ouds Herrschaft über Rīad und die dazugehörigen ausgedehnten Lehnsgüter an und trat seinen ganzen Landbesitz bis auf ungefähr eine Meile vor Haīl ab, behielt aber diese Stadt und das nördlich davon gelegene Land. Die beiden Soldaten hatten sich so gut wie möglich westwärts durch die Wüste geschlagen, denn, wie sie sagten, waren die meisten ihrer Waffenbrüder getötet worden, die übrigen aber entflohen.

Mschitta, Fassade.

Es war dies die bei weitem authentischste Nachricht, die ich von Nedjd erhalten konnte, und ich habe auch Grund anzunehmen, daß sie im wesentlichen richtig war[2]. Ich habe viele Araber hinsichtlich Ibn er Raschīds Charakter gefragt: die Antwort war fast immer dieselbe. »Schatīr djiddan,« d. h. »er ist sehr klug«, einen Augenblick später aber pflegten sie hinzuzufügen: »madjnun« (aber verrückt). Ich halte ihn für einen rücksichtslosen, leidenschaftlichen Menschen von rastlosem Geist und wenig Urteilskraft, der nicht energisch, vielleicht auch nicht grausam genug ist, seine Autorität den aufsässigen Stämmen gegenüber geltend zu machen, die sein Onkel Mohammed mit der Eisenfaust Furcht niederhielt (der Krieg war nichts als eine lange Reihe von Verrätereien seitens seiner eignen Verbündeten), vielleicht auch zu stolz, sich den Bedingungen des gegenwärtigen Friedens zu unterwerfen. Er ist überzeugt, daß die englische Regierung Ibn Sa'oud gegen ihn bewaffnet hat, und stützt sich bei dieser Annahme auf die Tatsache, daß der Scheich von Kweit, der für unseren Verbündeten gilt, in der Hoffnung, den Einfluß des Sultans an den Grenzen von Kweit abzuschwächen, jenen heimatlosen Verbannten mit den Mitteln ausgerüstet hat, in dem Lande, wo seine Väter geherrscht, wieder festen Fuß zu fassen. Der Beginn des ganzen Unheils lag vielmehr in der Freundschaft, die sich der Welt dadurch kundtat, daß Schammārische Pferde in Konstantinopel, und zirkassische Mädchen in Haīl erschienen, was aber das Ende anbetrifft, so hat der Krieg kein Ende in der Wüste, und jeder Unfriede kommt wieder dem Ungestüm irgend eines jungen Scheichs zu statten.

[2] Seit den oben erwähnten Ereignissen ist Ibn Sa'oud, nach einem vergeblichen Appell an einen mächtigen Bundesgenossen, glaube ich, zu einem Einvernehmen mit dem Sultan gekommen, und Ibn er Raschīd soll bemüht sein, die türkische Besatzung auszutreiben, die eigentlich zu seiner Hilfe gekommen war. Ganz kürzlich hat sich das Gerücht vom Tode Ibn er Raschīds verbreitet.

Mschitta, die inneren Hallen.

Obgleich wir Ebenen durchritten, die ganz wüste und für den oberflächlichen Beschauer fast ganz ohne charakteristische Züge waren, reisten wir doch selten länger als eine Meile, ohne eine Stelle zu erreichen, die einen Namen trug. Der Araber verfügt in seiner Rede über ein erstaunliches Ortsregister. Frage ihn, wo der oder jener Scheich sein Lager aufgeschlagen hat, und er wird dich sofort aufs genauste berichten. Du findest auf der Karte einen leeren Fleck und auch die Gegend, wo das Lager sich befindet, zeigt solche Leere. Dem Auge des Nomaden genügen eben die unbedeutendsten Kennzeichen, eine Bodenerhebung, ein großer Stein, die Spur einer Ruine, ja jede Vertiefung, die zur Winter- oder Sommerzeit voll Wasser steht.