Viertes Kapitel.
Ein arabisches Sprichwort sagt: »Hayyeh rubda wa la daif mudha« — weder aschgraue Schlange noch Mittagsgast. Wir hüteten uns, durch zu langes Bleiben gegen die gute Sitte zu verstoßen, es wurde noch vor Tagesanbruch in unserm Lager lebendig. Es ist als befände man sich inmitten eines Opals, wenn man zur Zeit der Morgendämmerung in der Wüste erwacht. Durch die aus den Bodensenkungen emporsteigenden Nebel und den Tau, der in gespenstigen Formen von den schwarzen Zelten niederrieselte, schoß der erste schwache Schimmer des östlichen Himmels, dem bald die tiefgelben Strahlen der aufgehenden Sonne folgten. Ich schickte Fellāh ul 'Isa ein purpurfarbenes, silbergesticktes Tuch »für den kleinen Sohn«, der so ernsthaft am Herde gespielt hatte, verabschiedete mich dankend von Namrūd, trank eine Tasse Kaffee, und während der alte Scheich mir den Bügel hielt, stieg ich auf und ritt mit Gablān davon. Wir erklommen den Djebel el 'Alya und kreuzten den Kamm des Gebirgszugs. Die Landschaft ähnelte der unsrer englischen Grenzlande, aber sie war großartiger, die Windungen größer, die Entfernungen weiter. Die klare, kalte Luft regte die Sinne an und ließ das Blut rascher pulsieren. Bei mir würde das alte Wort vom Golf von Neapel anders lauten: »Die Wüste an einem schönen Morgen sehen — und sterben — wenn du es vermagst.« Selbst die blöden Maultiere spürten einen Hauch davon und eilten über den schwammigen Boden (»Verrückt, ihr Verwünschten!«), bis ihre Körbe sich überschlugen und sie zu Fall brachten. Zweimal mußten wir halten, um sie auf die Beine zu bringen und wieder zu beladen. Das »Kleine Herz«, der höchste Gipfel des Djebel Druz (Drusengebirges), sah heiter auf uns nieder; sein Schneegewand leuchtete weit in den Norden hinauf.
Araber, Mardūf reitend.
Am Fuße des Nordabhangs der 'Alyaberge betraten wir eine weite wellige Ebene, ähnlich der, die wir bereits im Süden hinter uns gelassen. Wir passierten viele jener geheimnisvollen Ruinen, aus denen unsre Phantasie Schlüsse auf die Geschichte des Landes zu ziehen versucht, und endlich wurden wir der verstreuten Lagerplätze der Hassaniyyeh ansichtig, die mit den Da'dja befreundet sind und derselben Gruppe von Araberstämmen angehören. Hier sahen wir plötzlich zwei Reiter über die Wüste kommen. Gablān ritt ihnen entgegen, sprach eine Weile mit ihnen und kehrte dann mit ernstem Gesicht zurück. Gerade am Tage vorher, während wir friedlich von Tneib herüberritten, hatten 400 in böser Absicht verbündete Reiter der Suchūr und der Howeitāt die Ebene überschwemmt, eine vorgeschobene Zeltgruppe der Beni Hassan überfallen und die Zelte sowie 2000 Stück Vieh hinweggeführt. Ich meinte, es sei fast schade, daß wir einen Tag zu spät gekommen, Gablān aber sah bei dieser meiner Äußerung noch ernster drein und erklärte, daß er dann an dem Kampfe hätte teilnehmen, ja mich verlassen müssen, obgleich ich seinem Schutz anvertraut sei, denn die Da'dja wären verpflichtet, den Beni Hassan gegen die Suchūr beizustehen. Und vielleicht würde der gestrige Vorfall genügen, um den kaum geschlossenen Waffenstillstand zwischen diesem mächtigen Stamme und den Verbündeten der 'Anazeh zu brechen und die Wüste wieder mit Krieg zu überziehen. Es herrschte Kummer in den Zelten der Kinder Hassans. Das Haupt in den Händen verborgen, saß ein Mann weinend an seiner Zeltstange; es war ihm alles genommen worden, was er sein eigen genannt. Das Besitztum des Arabers ist ebensoviel Wechselfällen unterworfen, wie das des Spekulanten an der Börse. Heute noch ist er der reichste Mann der Wüste, und schon morgen hat er vielleicht nicht ein einziges Kamel mehr zu eigen. Er lebt in beständigem Kriegszustand. Hat er auch mit den Nachbarstämmen die heiligsten Treuschwüre ausgetauscht, so ist er doch nicht sicher, daß nicht eine Hunderte von Meilen entfernt wohnende Räuberbande nachts in sein Lager einbrechen wird. So verließ vor zwei Jahren ein in Syrien ganz unbekannter Stamm, die Beni Awadjēh, seinen Wohnsitz hinter Bagdad oben, durchquerte Mardūf reitend (zwei auf einem Kamel) 300 Meilen Wüste und fiel in das Land östlich von Aleppo, wo sie ungezählte Menschen töteten und alles Vieh wegführten. Wie viele Jahrtausende dieser Zustand schon dauert, können uns die erzählen, die die ältesten Berichte aus der inneren Wüste gelesen haben, denn er geht bis in die fernste Zeit zurück; aber in all den Jahrhunderten hat die Erfahrung den Araber keine Weisheit gelehrt. Nie ist er sicher und lebt doch in der größten Sorglosigkeit. Er schlägt sein kleines, aus zehn bis fünfzehn Zelten bestehendes Lager in einer weiten, ungeschützten, ja nicht einmal zu schützenden Ebene auf, zu weit von seinen Gefährten, um sie zu Hilfe zu rufen, zu weit auch, um die Reiter zu sammeln und den Räubern zu folgen, deren Rückzug infolge der geraubten Herden natürlich ein so langsamer ist, daß eine schnelle Verfolgung zuversichtlich von Erfolg begleitet sein würde. Hat der Araber so all sein Hab und Gut verloren, so durchzieht er bettelnd die Wüste; der eine gibt ihm ein oder zwei Streifen Ziegenhaartuch, der andere einen Kaffeetopf; hier bekommt er ein Kamel, dort ein paar Schafe, bis er wieder ein Dach über sich hat und genug Vieh, um mit den Seinen vor Hunger geschützt zu sein. Es gibt lobenswerte Gebräuche unter den Arabern, wie Namrūd sagte. So wartet er monate-, ja jahrelang die rechte Zeit ab, bis sich endlich eine Gelegenheit bietet; dann machen sich die Berittenen seines Stammes mit ihren Verbündeten auf, reiten aus, rauben die gestohlenen Herden zurück und noch mehr dazu, und die Fehde tritt in ein neues Stadium. In der Tat ist Raub das einzige Gewerbe und das einzige Glücksspiel der Wüste. Als Gewerbe betrachtet, scheint es uns auf einer falschen Auslegung der Angebot und Nachfrage betreffenden Gesetze zu beruhen, als Glücksspiel aufgefaßt aber, läßt sich viel zu seinen Gunsten sagen. Die Abenteuerlust findet weitesten Spielraum. Da ist die Aufregung des nächtlichen Rittes durch die Wüste, das Vorwärtsstürmen der Pferde zum Angriff, das majestätische (und doch verhältnismäßig harmlose) Knallen der Flinten und schließlich die Freude, sich für einen prächtigen Burschen halten zu können, wenn der Zug sich beutebeladen wieder heimwärts wendet. Es ist die beste Art fantasīa, wie sie in der Wüste sagen, denn es ist mit einem Körnchen Gefahr gewürzt. Nicht daß die Gefahr beängstigend groß ist: der Araber kann sich ein gut Teil Vergnügen ohne viel Blutvergießen verschaffen, meist liegt ihm auch gar nichts am Töten. Nie erhebt er die Hand gegen Frauen und Kinder, und wenn hier und da ein Mann fällt, so geschieht es mehr durch Zufall. Denn wer kann schließlich das Endziel einer Kugel voraussagen, die einmal ihren Flug durch die Lüfte angetreten hat? So denkt der Araber über den Ghazu (Raub); der Druse hat eine andere Meinung. Ihm ist er blutiger Krieg. Er behandelt das Spiel nicht als Spiel, sondern geht aus, um zu morden, und verschont keinen. Solange er noch ein Korn Pulver im Horn und die Kraft hat, den Hahn zu spannen, schießt er alles nieder, was ihm in den Weg kommt — Mann, Frau und Kind.
Da ich die Unabhängigkeit der arabischen Frauen kannte und die Leichtigkeit, mit der Ehen zwischen verschiedenen Stämmen gleicher Stellung geschlossen werden, sah ich manches romantische, aus Liebe mit Haß gemischte Verhältnis zwischen den Montecchi und Capuletti voraus. »Lo, auf einmal liebte ich sie,« sagt 'Antara, »obgleich ich ihren Verwandten erschlagen habe.« Gablān erwiderte, daß dergleichen schwierige Fälle vorkamen und oftmals als Tragödie endeten, aber wenn die Liebenden sich zum Warten bequemten, so käme nicht selten ein Vergleich zustande, oder sie könnten während eines Waffenstillstandes heiraten, der zwar immer nur kurz ist, aber doch häufig vorkommt. Wahre Tragik aber entsteht erst, wenn Blutfehde innerhalb des Stammes selbst ausbricht, und ein Mann, der einen seines eignen Volkes ermordet hat, ausgestoßen wird und als heimat- und freundloser Verbannter Schutz bei Fremden oder gar bei Feinden suchen muß. So ruft Imr ul Kais, der verlassene Geächtete, der Nacht zu: »Oh, lange Nacht, wann wirst du der Dämmerung weichen? Doch ist auch der Tag nicht besser als du.«
Lager der Agēl auf der Wanderschaft.