Wüstenbrunnen.
Einige Meilen weiter nördlich hatte man in den Hassaniyyehlagern noch nichts von dem Unglück des gestrigen Tages gehört, und uns blieb der Vorzug, Überbringer der bösen Kunde zu sein. Gablān ritt zu jeder Gruppe, die wir passierten, und erleichterte sein Herz. Die 400 Räuber vervielfältigten sich im Weiterreiten, und ich habe vielleicht gleich zu Anfang unrecht getan, an die mir berichteten 400 zu glauben, denn in den 24 Stunden, die zwischen ihrem Weggange und unsrer Ankunft lagen, hatten sie bereits Zeit gehabt, sich zu vermehren. In allen Zelten wurden Vorbereitungen getroffen nicht zum Krieg, sondern zu einem Fest. Fiel doch auf den morgenden Tag das große Fest des mohammedanischen Jahres, die Opferfeier, wo die Pilgrime in Mekka ihr Opfer schlachteten, und die Gläubigen in der Heimat ihrem Beispiel folgen. Vor jedem Zelte war ein ungeheurer Reisighaufen aufgetürmt, an dem am nächsten Tage das Kamel oder Schaf gebraten werden sollte, und draußen in der Sonne lagen die Hemden des Stammes nach einer Wäsche, die — ich habe triftigen Grund es anzunehmen — nur einmal im Jahre stattfindet, zum Trocknen ausgebreitet. Um Sonnenuntergang erreichten wir eine große Niederlassung der Beni Hassan, wo Gablān die Nacht zu verbringen gedachte. Ein schmutziger Tümpel in der Nähe lieferte Wasser, und über der Bodensenkung, in der die Araber lagen, fanden wir auch einen günstigen Platz für unsre Zelte. Keiner der großen Scheichs war im Lager anwesend, und Namrūds Warnung eingedenk, schlug ich alle Einladungen aus und verbrachte den Abend zu Hause. Ich beobachtete den Sonnenuntergang, das Anzünden der Kochfeuer und den blauen Rauch, der sich im Zwielicht verlor. Das phantastisch geschmückte Opfertier weidete unter meinen Maultieren, und nach Anbruch der Dunkelheit wurde das Fest durch langandauerndes Schießen feierlich eingeleitet. Gablān saß schweigend am Lagerfeuer; seine Gedanken weilten bei den Lustbarkeiten, die zu Hause vor sich gingen. Es ging ihm sehr gegen den Strich, an einem solchen Tage fernbleiben zu müssen. »Wieviel Reiter,« sprach er, »werden morgen vor meines Vaters Zelt absteigen! und ich werde nicht da sein, sie zu bewillkommnen oder meinem kleinen Sohne ein gesegnetes Fest zu wünschen.«
Wasserlauf in der Steppe.
Noch ehe die Festlichkeiten begannen, brachen wir auf. Es lockte mich nicht, der Todesstunde des Kamels beizuwohnen, überdies hatten wir auch eine lange Tagereise durch eine nicht besonders sichere Gegend vor uns. Für meine Karawane zwar war die Gefahr nicht groß. Trug ich doch in meiner Tasche einen Brief von Fellāh ul 'Isa an Nasīb el Atrasch, den Scheich von Salchad im Djebel Druz (Drusengebirge). »An den berühmten und gelehrten Scheich Nasīb el Atrasch,« lautete er — ich hatte gehört, wie mein Wirt ihn Namrūd diktierte, und zugesehen, wie er ihn mit seinem Siegel verschloß — »den Hochverehrten, Gott schenke ihm langes Leben! Wir senden Euch Grüße, Dir, dem ganzen Volke von Salchad, Deinem Bruder Djad'allah, dem Sohne Deines Onkels Mohammed el Atrasch in Umm er Rummān und unsern Freunden in Imtain. Und weiter: es reist eine sehr hohe englische Dame von uns zu Euch. Und wir grüßen Mohammed und unsre Freunde ... usw. (hier folgt eine weitere Liste von Namen), und das ist alles Nötige, und Friede sei mit Euch.« Außer diesem Briefe schützte mich auch meine Nationalität, denn die Drusen haben unsre Einmischung zu ihren Gunsten im Jahre 1860 noch nicht vergessen. Überdies war ich auch mit mehreren Scheichs des Hauses Turschān bekannt, zu welcher mächtigen Familie auch Nasīb gehörte. Mit Gablān freilich war es etwas anderes, und er war sich der Unsicherheit seiner Lage sehr wohl bewußt. Trotz seines Onkels Besuch in den Bergen konnte er nicht wissen, wie die Drusen ihn aufnehmen würden; er verließ die letzten Vorposten seiner Verbündeten und betrat ein von jeher feindliches Grenzland (er selbst kannte es ja nur von den gelegentlichen Raubzügen her, die er dorthin unternommen), und selbst wenn er unter den Drusen keine Feinde fand, konnte er doch leicht einem umherstreifenden Trupp der Haseneh oder ihresgleichen in die Hände fallen, die östlich von den Hügeln wohnen und die erbittertsten Feinde der Da'dja sind.
Kamele der Haseneh.
Nach ein oder zwei weiteren Stunden veränderte sich der Charakter der Landschaft gänzlich: der weiche Wüstenboden wich den vulkanischen Felsen des Haurān. Nachdem wir eine Weile an einem Lavabett hingeritten waren und die letzten Zelte der Hassaniyyeh in einer kleinen Talmulde hinter uns gelassen hatten, befanden wir uns am Rande einer Ebene, die sich in ununterbrochener Fläche bis an den Djebel Druz erstreckte. Sie war verödet, fast aller Vegetation bar und mit schwarzen vulkanischen Steinen bedeckt. Jemand hat gesagt, daß der Saum der Wüste einem felsigen Strand gliche, an dem der Seefahrer, der das tiefe Wasser glücklich durchschifft hat, immer noch scheitern kann, wenn er sein Schiff in den Hafen zu bringen versucht. Und diese Landung stand uns jetzt bevor. Irgendwo zwischen uns und dem Gebirge lagen die Ruinen von Umm ed Djimāl, wo ich auf die Drusen zu stoßen hoffte; aber da das Land vor uns ziemlich viel Hebung und Senkung zeigte, war es uns ganz unmöglich zu sagen, wo diese Ruinen sich befanden. Umm ed Djimāl steht in schlechtem Rufe — ich glaube, das meinige war eins der ersten europäischen Lager, die je dort ausgeschlagen wurden; vor mir war eine Gesellschaft amerikanischer Archäologen dagewesen, die den Ort 14 Tage vor meiner Ankunft verließ. Gablāns augenscheinliche Angst ließ die Gefahr nur um so größer erscheinen. Zweimal wandte er sich mit der Frage an mich, ob wir wirklich dort lagern müßten. Ich hielt ihm entgegen, daß er es unternommen habe, mich nach Umm ed Djimāl zu führen, und daß ich mich zweifellos auch dorthin begeben würde, und begründete das zweite Mal meine Hartnäckigkeit mit dem Hinweis, daß wir Wasser für unsre Tiere brauchten und es sicher nirgend anders als in den Zisternen des verfallnen Dorfes finden würden. Darauf zog ich meine Karte heraus, versuchte zu erraten, an welchem Punkte des leeren weißen Blattes wir uns augenblicklich befanden, und ließ dann meine Karawane etwas westwärts auf eine niedrige Anhöhe zu gehen, die uns den Ausblick auf unsern Bestimmungsort versprach. Gablān fügte sich dieser meiner Entscheidung gutwillig und drückte sein Bedauern aus, uns keine besseren Führerdienste leisten zu können. Er war in seinem Leben nur einmal in Umm ed Djimāl gewesen und zwar bei einem Raubzuge in der Tiefe der Nacht. Er und seine Gesellschaft hatten hier eine halbe Stunde gerastet, um ihre Pferde zu tränken, waren dann ostwärts weiter gezogen und hatten für die Rückkehr einen anderen Weg gewählt. Ja, dem Himmel sei Dank, es war ein erfolgreicher Beutezug gewesen und noch dazu einer der ersten, an dem er teilgenommen. Michaïl begegnete unsern Entschließungen mit Gleichgültigkeit, und die Maultiertreiber wurden nicht befragt, Habīb aber steckte, als wir weiterritten, seinen Revolver etwas lockerer in den Gürtel.