Umm ed Djimāl.
Wir eilten vorwärts. Wir hielten Umschau nach dem Rasīf, der gepflasterten Römerstraße, die die Kal'at ez Zerkā direkt mit Bosra verbindet, und ich ging gleichzeitig mit mir zu rate, wie ich im Falle der Not den Freund und Führer schützen könnte, dessen angenehme Gesellschaft unsre Reise belebt hatte, und der sicherlich nicht zu Schaden kommen sollte, solange er bei uns weilte. Als wir uns der Bodenerhebung näherten, sahen wir Schafhürden oben stehen und beobachteten, wie Männer die Herden sammelten und sie mit einer Eile, die ihre Besorgnis verriet, hinter die schwarzen Mauern trieben. Aus einer zur Linken gelegenen Vertiefung aber näherten sich uns mehrere Gestalten — ob sie zu Fuß oder beritten waren, konnten wir nicht feststellen — und einige Augenblicke später stiegen zwei Rauchwölkchen vor ihnen auf, und wir hörten den Knall der Gewehre.
Schnell kehrte sich Gablān nach mir um.
»Darabūna!« sagte er, »sie haben auf uns geschossen.«
Laut sprach ich: »Sie haben Angst!« zu mir selbst aber: »Jetzt geht's los!«
Gablān erhob sich in den Steigbügeln, zog seinen pelzgefütterten Mantel von den Schultern, schlang ihn sich um den linken Arm und schwenkte ihn, während wir beide, er und ich, ganz langsam vorwärtsritten, über seinem Kopfe. Es fielen noch ein paar Schüsse, wir ritten weiter unter unsrer Friedensfahne. Das Schießen hörte auf; schließlich war es weiter nichts gewesen als die übliche, freilich mit dem bekannten Leichtsinn der Barbaren vollzogene Begrüßung eines Fremden. Unsre Angreifer erwiesen sich als zwei Neger, die von einem Ohr zum andern grinsten und gleich bereit waren, Freundschaft mit uns zu schließen und uns den Weg nach Umm ed Djimāl zu zeigen, sobald sie nur überzeugt waren, daß wir nicht auf Schafstehlen ausgingen. Nachdem wir den Hügel umritten hatten, sahen wir die Ruinen vor uns liegen. Beim Anblick ihrer schwarzen Türme und Mauern, die so kühn aus der Wüste aufragten, wurde es uns schwer zu glauben, daß der Ort bereits seit 1300 Jahren verödet und verfallen liegt. Erst als wir ganz nahe waren, wurden die Sprünge und Spalten in den Tuffsteinmauern und die Breschen in der Stadtmauer sichtbar. Vorwärts eilend wäre ich mitten in das Herz der Stadt hineingeritten, hätte Gablān nicht die Hand auf meinen Zügel gelegt und mich aufgehalten.
»Ich werde vorangehen!« sprach er, »o meine Dame, Sie sind meiner Obhut anvertraut.«
Dieser Entschluß mußte ihm hoch angerechnet werden, denn Gablān war die einzige Person, die irgendwelche Gefahr lief, und er war sich dieser Tatsache wohl bewußt.
Wir klapperten über die zerfallene Stadtmauer, umritten den viereckigen Klosterturm, das Hauptmerkmal der »Mutter der Kamele« (dies ist die Bedeutung des arabischen Namens), und kamen auf einen freien, von gänzlich verlassenen Straßen umgebenen Platz. Nichts Furchterweckendes zeigte sich, ja wir sahen kein anderes Lebenszeichen als zwei kleine schwarze Zelte, deren Bewohner uns mit Enthusiasmus begrüßten und uns in der liebenswürdigsten Weise Milch und Eier zum Verkauf boten. Die am Fuße des Haurāngebirges wohnenden Araber heißen Djebeliyyeh, Bergaraber, und kommen nicht weiter in Betracht, da sie nur Diener und Hirten der Drusen sind. Während sie im Winter die in die Ebene herniedergesandten Herden weiden, dürfen sie im Sommer ihr eigenes Vieh auf die unbebauten Abhänge treiben.