Tränken der Kamele.

Ich verbrachte die noch verbleibende helle Stunde mit Besichtigung der prächtigen Grabstätten außerhalb der Mauer. Mr. Dussaud hat die Erforschung derselben vor ungefähr fünf Jahren begonnen, und Monsieur Butler und Dr. Littmann, deren Besuch dem meinen unmittelbar voranging, werden zeigen, mit welchem Eifer sie die Arbeit fortgesetzt haben, sobald ihre nächsten Bände erscheinen. Nachdem ich die von ihnen geöffneten Gräber betrachtet und einige Hügel bemerkt hatte, die auf weitere Grabstätten hinweisen, entließ ich meine Gefährten und durchwanderte in der Dämmerung die wüsten Straßen der Stadt; ich betrat große öde Räume und verfallene Treppen, bis mich endlich Gablān zurückrief. Wenn die Leute eine Person im Pelzmantel zur Nachtzeit an diesem unheimlichen Ort umherwandeln sähen, meinte er, würden sie die Erscheinung für einen Geist halten und niederschießen. Überdies wollte er mich fragen, ob er nicht nach Tneib zurückkehren dürfte. Da einer der Araber uns morgen recht gut nach dem ersten Drusendorf führen könnte, wollte er sich lieber dem Gebirge nicht weiter nähern. Ich willigte gern ein; war es mir doch eine Erleichterung, nicht mehr die Verantwortung für seine Sicherheit zu tragen. Er bekam drei Napoleon für seine Mühe und einen warmen Dankesbrief an Fellāh ul 'Isa, und wir schieden mit vielen Versicherungen, daß wir gern wieder zusammen reisen würden, wenn Gott es so fügte.

Der steinige Fuß des Djebel Haurān ist mit Dörfern bestreut, die seit der mohammedanischen Einwanderung im 7. Jahrhundert verödet liegen. Ich besuchte zwei, die nicht allzu abseits von meinem Wege lagen, Schabha und Schabhiyyeh, und fand sie ganz desselben Charakters, wie Umm ed Djimāl. Von weitem gleichen sie gutgebauten Städten mit viereckigen Türmen und dreistöckigen Häusern. Wo die Mauern eingestürzt sind, da liegen sie noch, keine Hand hat sich gerührt, die Trümmer zu beseitigen. Monsieur de Vogüé hat als erster die Architektur des Haurān beschrieben; noch jetzt ist sein Werk das hauptsächlichste Quellenbuch. Die Wohnhäuser sind um einen Hof gebaut, von welchem aus gewöhnlich eine Außentreppe in das obere Stockwerk führt. Es ist kein Holz zu den Bauten verwendet, selbst die Türen bestehen aus schwerem Stein und bewegen sich in steinernen Angeln, und die Fenster werden durch dünne Steinplatten mit Durchbruchmuster ersetzt. Bisweilen findet man auch Spuren eines säulenflankierten Tores, oder durch die Mauer ist ein gekoppeltes Fenster gebrochen, dessen Bogen von kleinen Säulen mit groben, ganz einfachen Kapitälen getragen werden. Hin und wieder findet man auch die Querbalken der Türen mit Kreuzen oder den Initialen Christi geziert, im allgemeinen aber ist wenig Schmuck vorhanden. Die Zimmerdecken sind mit Steinplatten getäfelt, die auf querlaufenden Bogen ruhen. Soweit man mit Sicherheit annehmen kann, sind Nabathäische Gräber und Inschriften die ältesten geschichtlichen Denkmäler dieses Distrikts; ihnen folgen zahlreiche Überreste aus der heidnischen Römerzeit, die wahre Blüteperiode aber scheint die christliche Ära gewesen zu sein. Nach der Besitzergreifung durch die Mohammedaner, die dem Wohlstande des Hügellandes von Haurān ein Ende bereitete, wurden nur wenige Dörfer wieder bewohnt, und als vor ungefähr 150 Jahren die Drusen einwanderten, fanden sie keine eigentliche Bevölkerung vor. Sie eigneten sich das Gebirge an, zerstörten die alten Stätten vollständig, indem sie sie wieder aufbauten, und dehnten ihre Herrschaft auch über das südliche Flachland aus, ohne sich jedoch in den Ortschaften dieses umstrittenen Gebiets festzusetzen, das dem Archäologen ein dankbares Feld für seine Forschungen verblieben ist. Die amerikanische Expedition wird einen guten Gebrauch von dem hier ruhenden ungeheuren Material machen, und da ich wußte, daß berufenere Hände hier bereits die Arbeit getan hatten, rollte ich mein Metermaß auf und faltete den Zollstab zusammen. Aber ich konnte mir nicht versagen, Inschriften zu kopieren, und die wenigen (sie waren wirklich außerordentlich gering an Zahl), die Dr. Littmanns wachsamem Auge entgangen, zufällig aber zu meiner Kenntnis gelangt waren, habe ich ihm übermittelt, als wir uns in Damaskus trafen.

Abbrechen des Lagers.

Unserm neuen Führer, Fendi, fiel die Aufgabe zu, mich über alle Neuigkeiten im Gebirge zu unterrichten. Der Tod hatte in den letzten fünf Jahren tüchtig unter der großen Familie der Turschān aufgeräumt. Faīz el Atrasch, der Scheich von Kreyeh, war tot — vergiftet, wie man sagte, und ein oder zwei Wochen vor meiner Ankunft war auch der berühmteste aller Drusenführer, Schibly Beg el Atrasch, an einer geheimnisvollen, langwierigen Krankheit gestorben — wieder Gift, hieß es. Hier war Krieg, dort drohte er, ein schrecklicher Raubzug der Araber aus dem Wādi Sirhan mußte gerächt, eine Rechnung mit den Suchūr beglichen werden, im allgemeinen aber herrschte Wohlstand und Friede, soviel die Drusen sich nur wünschten. Zur Abwechselung schossen wir ein wenig nach Kaninchen, die schlafend in der Sonne lagen, was zwar kein besonders vornehmer Sport war, aber doch dazu beitrug, unsre Töpfe zu füllen und Mannigfaltigkeit in unser Menü zu bringen. Später ließ ich Fendi und die Maultiere den Weg allein fortsetzen und machte, nur von Michaïl begleitet, einen langen Umweg nach einigen Ruinen. Weit entfernt von dem übrigen Teil meiner Gesellschaft, beendeten wir gerade unser Frühstück am Fuße einer zerfallenen Mauer, als wir zwei Reiter über die Steppe und auf uns zukommen sahen. Schnell das Frühstück weggepackt und aufgestiegen, denn wir meinten, jede Begrüßung, die sie uns zugedacht, besser im Sattel entgegennehmen zu können. Sie hielten vor uns, und ihrem Gruß folgte ganz unmittelbar die Frage nach dem Ziel unsrer Reise. Ich antwortete: »Nach Salchad, zu Nasīb el Atrasch,« und sie ließen uns ohne weitere Bemerkung vorüber. Es waren keine Drusen, denn sie trugen nicht den bei diesem Volk üblichen Turban, sondern Christen aus Kreyeh, wo sich eine große Christengemeinde befindet. Sie ritten hinab nach Umm ed Djimāl, um den Winterquartieren ihrer Herden einen Besuch abzustatten, berichtete Fendi, dem sie eine Meile vor uns begegnet waren. Einige Stunden bevor wir die gegenwärtigen Grenzen der Kultur erreichten, sahen wir die Spuren ehemaligen Ackerbaus, und zwar in Gestalt langer, parallel laufender Steinlinien, die zur Seite der einst fruchtbaren Erde aufgehäuft waren. Sie sahen wie die Raine und Gräben einer riesigen Wiese aus, und sie scheinen fast unvergänglich zu sein, diese Zeichen eines menschlichen Fleißes, der doch seit der Zeit der arabischen Einwanderung geruht haben muß.

Am Fuße des ersten Ausläufers des Gebirges, des Tell es Schih (er ist nach der grauweißen Schihpflanze genannt, die das beste Schaffutter gibt), verließen wir die unfruchtbare Wüste und betraten die Region des Ackerbaus — verließen aber auch die langen, sauberen Flächen und versanken knöcheltief in den Schmutz eines syrischen Weges. Er führte uns bergauf, an den Rand des niedrigsten Plateaus des Djebel Druz (Drusengebirges); hier liegt Umm er Rummān, die Mutter der Granatäpfel, ein so unwirtlicher, unsauberer kleiner Ort, wie man sich ihn nur denken kann. Am Eingang des Dorfes machte ich Halt und fragte eine Gruppe Drusen nach einem Lagerplatz. Sie wiesen mich an einen höchst schmutzigen Ort in der Nähe des Friedhofes mit der Bemerkung, dies sei der einzige Ort, wo ich weder der Saat noch dem Gras Schaden zufügen könnte, und dabei ruhte, weiß der Himmel, die Saat noch im Schoße der Erde, und das Gras bestand aus wenigen braunen Stengeln, die aus der schmelzenden Schneedecke hervorsahen. Ich dachte nicht daran, meine Zelte so nahe bei den Gräbern aufzuschlagen und verlangte, die Wohnung Mohammed el Atraschs, des Scheichs von Umm er Rummān zu wissen. Dieser Fürst der Turschān saß auf seinem Dache und leitete gewisse Feldarbeiten, die unten im Moraste vorgenommen wurden. Die Zahl der Jahre hatte ihm eine unförmliche Gestalt verliehen, die durch die Menge der Kleidungsstücke, in die er der Winterkälte wegen seinen fetten, alten Körper gehüllt hatte, nur noch grotesker geworden. Ich näherte mich ihm, soweit es der Schmutz erlaubte, und rief hinauf:

»Friede sei mit dir, o Scheich!«

»Und mit Dir!« kreischte er zur Antwort.

»Wo in Eurem Dorfe finde ich einen trocknen Platz zum Lagern?«