Der Scheich beriet sich in den höchsten Tönen mit seinen Leuten unten im Morast und erwiderte endlich, daß er es nicht wüßte, bei Gott nicht. Noch immer wußte ich nicht, wohin meine Schritte lenken, da nahte ein Druse und kündigte mir an, daß er mir einen Ort außerhalb der Stadt zeigen könne. Sehr froh, der Verantwortung ledig zu sein, hieß mich der Scheich mit lauter Stimme in Frieden gehen und nahm seine Beschäftigung wieder auf.
Mohammed el Atrasch.
Mein Führer war ein junger Mann mit den scharfgeschnittenen Zügen und dem klugen Gesichtsausdruck seines Volkes. Wie alle seine Stammesbrüder war auch er mit einer lebhaften Neugier begabt und lockte, während er von einer Seite der Straße auf die andere hüpfte, um dem Schlamm und Schneewasser zu entrinnen, meine ganze Geschichte aus mir heraus, das Woher und Wohin, den Namen meines Vaters und meiner Freunde im Djebel Druz. Dieses Ausfragen ist sehr verschieden von der Sitte der Araber, bei denen es ein Haupterfordernis guter Erziehung ist, niemand mehr zu fragen, als er mitzuteilen für angemessen hält. In At Tabaris Geschichte finden wir eine hübsche Erzählung von einem Manne, der bei einem arabischen Scheich Schutz suchte. Er blieb bei ihm. Der Scheich starb, und sein Sohn, der an seiner Stelle regierte, wurde ebenfalls alt. Endlich kam der Enkel jenes ersten Wirtes zu seinem Vater und sprach: »Wer ist der Mann, der bei uns wohnt?« Und der Vater erwiderte: »Mein Sohn, er kam zu meines Vaters Zeiten zu uns, mein Vater wurde grau und starb, und er blieb unter meinem Schutz. Nun bin auch ich alt geworden, aber in all den Jahren haben wir ihn weder gefragt, wie er heißt, noch was er bei uns will. Und auch du sollst es nicht tun.« Doch freute ich mich, wieder im Bereich des scharfen Witzes und der forschenden Schwarzaugen der Gebirgsbewohner zu sein, wo jede Frage eine schnelle Antwort oder eine scharfe Zurückweisung erheischt. Und als mein Partner gar zu wißbegierig wurde, brauchte ich nur zu sagen:
»Höre, mein Freund, ich bin nicht ‚du’, sondern Eure Exzellenz«. Da lachte er, verstand und nahm sich den Verweis zu Herzen.
Man findet viele Inschriften in Umm er Rummān, einige nabathäischen und die anderen cufischen Ursprungs, ein Beweis, daß die Stadt auf dem Hochplateau oben eine alte Niederlassung war, die von Arabern nach ihrer Einwanderung wieder bewohnt wurde. Eine sehr vergnügte Schar kleiner Knaben folgte mir von Haus zu Haus; voll Eifer, mir einen beschriebenen Stein in der Mauer oder im Pflaster um die Feuerstelle zu zeigen, stürzten die kleinen Burschen immer einer über den andern. In einem Hause hielt mich eine Frau am Ärmel fest und beschwor mich, ihren Mann zu heilen. Das Gesicht in schmutzige Binden gehüllt, lag derselbe in einem dunklen Winkel des fensterlosen Raumes, und als die Lappen entfernt waren, sah ich eine schreckliche Wunde, das Werk einer Kugel, die durch den Backen gedrungen war und die Kinnlade zerschmettert hatte. Ich empfahl der Frau, die Wunde zu waschen und die Binden rein zu halten, und gab ihr ein antiseptisches Mittel, jedoch nicht ohne die Warnung, den Mann die Medizin ja nicht trinken zu lassen, obgleich ich wußte, daß es wenig ausmachte, ob er sie äußerlich oder innerlich nahm, da der Tod ihn sich bereits zur Beute ersehen. Das war der erste von einer langen Reihe Elender, die jedem, der unzivilisierte Länder bereist, vor Augen kommen und verzweiflungsvoll um sein Mitleid flehen. Männer und Frauen mit Krebs und schrecklichen Geschwüren, mit Fieber und Rheumatismus, Kinder, die von Geburt an verkrüppelt sind, Blinde und Alte — sie alle hoffen, daß die unendliche Weisheit des Westens ein Heilmittel für sie in Bereitschaft habe. Du schauderst über all das menschliche Elend und deine eigene Ohnmacht.
Mein Forschungsgang brachte mich endlich bis an die Tür des Scheichs und ich trat ein, um ihm einen offiziellen Besuch abzustatten. Nun die Tagesgeschäfte erledigt waren, spielte er den aufmerksamen Wirt. Wir saßen im Besuchszimmer (Mak'ad), einem dunklen, schmutzigen Nebengebäude mit einem eisernen Ofen in der Mitte, sprachen über den Krieg in Japan, über Wüstenraub (Ghazu) und andere Dinge, während des Scheichs Sohn, Selmān, ein hübscher, sechzehnjähriger Junge, uns Kaffee kochte. Mohammed ist der Schwager von Schibly und von Yahya Beg el Atrasch. Vor fünf Jahren war ich des letzteren Gast in seinem Dorfe 'Areh gewesen, wohin ich mich vor dem türkischen Mudīr in Bosra geflüchtet hatte. Selmān ist der einzige Sohn seines bejahrten Vaters und der einzige Sproß des berühmten turschānischen Hauses 'Areh, denn Schibly und Yahya sind kinderlos. Auf meinem Heimwege begleitete mich der muntere, aufgeweckte Knabe; leichtfüßig stieg er durch den Morast; über der ganzen Gestalt lag ein Hauch von Vornehmheit, das Kennzeichen eines edlen Geschlechts. Er hatte keine Schule besucht, obgleich sich eine große drusische Schule in dem 15 Meilen entfernten Kreyeh befindet, die von einem ziemlich gebildeten Christ geleitet wird.
»Mein Vater schätzt mich so hoch, daß er mich nicht von sich lassen will,« erklärte er.
»Aber Selmān,« hob ich an.
»O Gott!« erwiderte er, wie es üblich ist, wenn man beim Namen genannt wird.