Achtes Kapitel.
Als ich dem Vāli (Generalgouverneur) auf seine Fragen, wohin ich von Damaskus aus zu reisen gedächte, Ba'albek als Ziel nannte, äußerte er die Absicht, eine Schar Bewaffneter zum Schutze einer so vornehmen Dame mitzuschicken. Um dieses Thema abzubrechen, erwiderte ich kurzerhand, ich würde die Bahn benutzen. Da ich aber im Ernste nicht die geringste Lust zu diesem Beförderungsmittel verspürte, blieb mir, wollte ich allein reisen, nur ein möglichst früher Aufbruch übrig. Es war ein freundlicher, sonniger Morgen, als wir durch die bereits von einer Schar fröhlicher Menschen belebten Straßen ritten; unsre Pferde zerrten ungeduldig am Zaumzeug nach ihrer achttägigen Ruhe. An Amīr Omars Haus in der Wādi Barada vorüberkommend, erblickten wir diesen Herrn in der Morgensonne auf seinem Dach sich gütlich tun. Er rief mir zu, doch heraufzukommen, aber ich erklärte, daß Geschäfte vorlägen, und er mich ziehen lassen müßte.
»So zieht in Frieden!« gab er zurück, »so Gott will, reiten wir eines Tages zusammen.«
»So Gott will!« sagte ich und »Gott mit euch!«
Als sich nach ein oder zwei Meilen der Weg teilte, schlug ich die direkte Richtung nach dem Antilibanon ein, denn mir lag daran, der Aufmerksamkeit behördlicher Personen zu entgehen, die angewiesen worden waren, mir ihre Achtung zu bezeigen. Wir kamen durch das schöne, mit Aprikosenbäumen bestandene Tal der Barada (noch war die Zeit der Blüte nicht gekommen), kreuzten den Fluß oberhalb der prächtigen Schlucht Barada, und ritten über eine zwischen schneebedeckten Bergen liegende Ebene nach dem durch seine Äpfel berühmten Zebdāny. Hier schlugen wir auf einer grünen Wiese neben einem Brunnen unser Lager auf; nach Süden zu begrenzten die schneeigen Flanken des Hermon das Bild, nach Norden lagen die Dorfhäuser verstreut auf den Hügelwellen; kein einziger aus Zebdāny bekümmerte sich um die kleinen Zelte. Am nächsten Tage passierten wir im Sturmgeheul den Antilibanon. Eine weite Tour war es von 8¼ Meilen, aber reizvoll und unterhaltend. Wir mußten auf der großen Römerstraße von Damaskus nach Ba'albek sein; das ganze Tal entlang sah man ab und zu lateinische Inschriften an den Felswänden. Ganz durchnäßt, denn die letzten Meilen wurden durch kahle Gegend in strömendem Regen zurückgelegt, gelangten wir endlich in Ba'albek an. Es war fast zu stürmisch, um ein Lager auszuschlagen, und doch lehnte sich alles in mir gegen den Gedanken an ein Hotel auf. Aber Michaïl wußte Rat. Er kannte eine anständige, christliche Frau, die am Eingang des Dorfes wohnte, die würde uns sicherlich Obdach geben. Und so geschah es auch. Die Frau war hocherfreut, uns zu sehen, und richtete sofort einen sauberen leeren Raum für mein Zeltzubehör ein, während Michaïl sich mit seinen Kochutensilien in einem anderen niederließ. Mochte nun der Regen wütend gegen die Fenster schlagen — wir waren geborgen.
Meine Wirtin, Kurunfuleh, die Nelke, mit Namen, hatte zum Gatten einen gewissen Jūsef el 'Awais, der gerade in Amerika sein Glück suchte, wohin sie ihm zu folgen gedachte. Ich verbrachte einige Stunden in ihrer Gesellschaft; auch ihr Sohn und ihre Tochter waren da, und ein paar Verwandte, die ihre Lauten mitgebracht hatten. Man plauderte und musizierte. Wie sie sagten, macht ihnen die Zukunft viel Sorge, denn die Bevölkerung von Ba'albek und der Umgegend gehört größtenteils zu den Metāwileh, einer freisinnigen und wegen ihres Fanatismus und ihrer Unwissenheit berüchtigten Sekte des Islam. So oft die Japaner siegreich waren, pflegten diese Leute zu kommen, ballten ihre Fäuste drohend gegen die Christennachbarn und riefen: »Die Christen sind geschlagen worden! Hütet euch, wir werden euch auch bald davonjagen und eure Habe nehmen.« »Und ganz so geht es in Jerusalem her,« fiel Michaïl ein (ob seine Worte auf Wahrheit beruhten, weiß ich nicht), »dort haben die Muselmänner dem Mufti durch eine Deputation sagen lassen: ‚Die Zeit ist für uns gekommen, die Christen zu verjagen.’ Aber der Mufti versetzte: ‚Wenn ihr Unruhen heraufbeschwört, werden die europäischen Mächte sich einmischen, denn Jerusalem ist ihr Augapfel; sie werden das ganze Land einnehmen, und wir werden schlimmer dran sein als zuvor.’«
Ich suchte Kurunfuleh zu trösten, indem ich sagte, es sei undenkbar, daß die Christen in Syrien verfolgt werden könnten, da das Land so wohl bekannt und von Touristen viel besucht sei, die sicherlich entrüstet sein würden. Der alljährlich wiederkehrende Strom von Touristen bietet in der Tat eine der besten Garantien für die Aufrechterhaltung der Ordnung. Aber warum kehrte denn Kurunfuleh nicht in den Libanon, ihre Heimat, zurück, wo sie unter dem direkten Schutz der Mächte stand und keine Gefahr zu befürchten brauchte? Sie antwortete:
Suk Wādi, Barada.