»O meine Dame, das Haus hier ist auf meines Gatten Namen eingetragen, es darf vor seiner Rückkehr nicht verkauft werden noch unbewohnt bleiben, und außerdem lebt es sich in der Ebene so ganz anders, als im Libanon; ich könnte es nicht wieder ertragen, dort zu wohnen. Dort tun die Leute weiter nichts als ihre Nachbarn beobachten, und zieht man einen neuen Rock an, so stecken sie die Köpfe zusammen und spotten: Hast die feine Dame gesehen? Und lassen Sie sich auch nur sagen, wie man im Libanon lebt: ich esse in Ba'albek jeden Tag Fleisch, die im Libanon aber nur einmal in der Woche. Sie teilen eine Zwiebel in drei Teile und würzen drei Abende hintereinander ihren burghul (geschroteter Weizen) damit; ich aber werfe Abend für Abend eine ganze Handvoll Zwiebeln in den Kochtopf. Ja, es geht karg her im Libanon.«

Sie hatte recht. Es geht so karg dort her, daß jeder, der nur irgendwie das Reisegeld erschwingen kann, nach den Vereinigten Staaten auswandert, so daß es in den Kulturen von Getreide, Wein und Maulbeerbäumen entsetzlich an Arbeitskräften mangelt. »Es ist kein Vorwärtskommen«, wie der Syrer sagt. Die Provinz ist eine Sackgasse ohne eignen Hafen, ohne Handel. Du brauchst dort nicht gerade zu verhungern, aber was hast du von einem Leben, das dir nicht mehr als den dritten Teil einer Zwiebel zum Abendbrot bietet? Die Hohe Pforte ist den Mächten einmal wieder übergewesen. Sie hat alles bewilligt, was von ihr gefordert worden ist, o ja, auch mit Freuden, aber die Zugeständnisse, welche die Türen zum Wohlstand anscheinend erschlossen, haben in Wirklichkeit den Pfad denen versperrt, die Nutzen daraus ziehen sollten.

Am nächsten Tage hatte der Regen noch nicht nachgelassen. Ich empfing den Polizeikommissar, der mich hergeleitet hatte, und stattete dann in dem meiner Wohnung nahegelegenen Hotel einer vielköpfigen Portugiesenfamilie einen Besuch ab. Monsieur Luiz de Sommar war mit Gattin, Töchtern und Neffen über den Djebel Druz von Jerusalem nach Damaskus gereist. In Salchad hatte ich von ihrer Ankunft in Sueda gehört und mich gewundert, wie sie sich Zulaß verschafft haben mochten. Ich hörte eine seltsame Geschichte, die sehr zugunsten Sommars spricht, gleichzeitig aber auch dartut, wie ängstlich die Regierung das Bergland vor den spionierenden Augen der Touristen zu hüten bestrebt ist. Die Portugiesen hatten Mr. Mark Sykes in 'Ammān getroffen, der ihnen riet, ihre Tour lieber über Kanawāt im Djebel Druz zu nehmen, da sie keinerlei Schwierigkeit haben würden, die Erlaubnis dazu zu erhalten. Monsieur Sommar war denn auch gutes Mutes vorwärtsmarschiert, aber in Sueda, dem Hauptsitz der Regierung, angekommen, hatte ihn der Kāimakām angehalten und zwar höflich aber fest angedeutet, daß er auf demselben Wege, den er gekommen, wieder zurückreisen müsse. Der Herr verweigerte das in ebenso bestimmter Weise und sandte Telegramme an seinen Konsul in Damaskus und seinen Minister in Konstantinopel. Und nun erfolgte ein erregter Depeschenaustausch mit dem Endergebnis, daß Monsieur Sommar nach Kanawāt weiterreisen dürfte, falls er hundert Zaptiehs mitnehmen würde. »Denn«, sagte der Kāimakām, »das Land ist über die Maßen gefährlich.« (Ein Land, durch welches, wie ich weiß, eine Frau in der alleinigen Begleitung eines Drusenjungen, ja, ganz allein reiten kann, selbst wenn ihre Satteltaschen mit Gold angefüllt sind!) Aber Monsieur de Sommar war ein kluger Mann. Er erwiderte, daß er die hundert Zaptiehs schon mitnehmen wolle, aber keinen Piaster würden sie von ihm bekommen. Man feilschte, der Kāimakām änderte seinen Beschluß und setzte die Eskorte auf zwanzig fest, unter welchem Schutz die Sommars glücklich in Kanawāt landeten. Ich beglückwünschte sie zu diesem Abenteuer und mich selber, die ich meinen Passierschein von Fellāh ul 'Isa und nicht vom syrischen Vāli erwirkt hatte.

Ba'albek.

Trotz des Regens war der Tag in Ba'albek nicht verloren. Die Deutschen hatten seit meinem letzten Besuch den Tempel der Sonne ausgegraben und Altäre, Fontänen, Teile von Dekorationen sowie Grundmauern von Kirchen bloßgelegt, die von höchstem Interesse waren. Und außerdem erweckt die große Gruppe von Tempeln mit den sie umschließenden Mauern, die zwischen dem Doppelgebirge des Libanon und Antilibanon liegt, einen Eindruck, der nur von der Tempelgruppe der athenischen Akropolis übertroffen wird, die ja wirklich ihresgleichen sucht. Die Ausführungen im einzelnen sind weniger gut als die athenischen. Das unendlich Würde- und Maßvolle in dieser Krone unter den Schöpfungen der Architekten kann nicht erreicht werden, wie auch die prachtvolle, das blaue Meer und den Golf von Salamis beherrschende Lage einzig in ihrer Art ist. Aber im großen ganzen kommt Ba'albek der Akropolis näher als irgend ein anderer Gebäudekomplex, und der Gelehrte findet reichlich Material zu Betrachtungen über die griechisch-asiatische Kunst, die Ba'albek erbaut und seine Pfosten, Architrave und Kapitäle mit Ornamenten versehen hat, die ebenso abwechslungsreiche Entwürfe zeigen, wie sie herrlich ausgeführt sind. Der Archäologe kennt weder rein noch unrein. Jedes Werk der menschlichen Phantasie nimmt bei ihm den ihm bestimmten Platz in der Geschichte der Kunst ein, leitet und erweitert sein eigenes Verständnis. Befriedigt das Ergebnis sein Auge, so freut er sich, in jedem Falle aber liefert es ihm ein neues unerwartetes Band zwischen dieser und jener Kunst und führt ihn eine Stufe weiter empor auf der Leiter der Geschichte. Das macht ihn fähig, mit allem zufrieden zu sein, was er sieht, und sicher wird er nicht sagen: »O weh — o weh! Diese Dummköpfe von Syrern ... Phidias würde das so und so gemacht haben!« Denn ihm gewährt es Befriedigung, einen neuen Versuch auf dem Pfade künstlerischen Schaffens zu entdecken, einen frischen Hauch, der die Akanthusblätter und Weinranken an den Kapitälen bewegt.

Der große Hof, Ba'albek.

Unsre Abreise von Ba'albek wurde durch ein sehr betrübliches Vorkommnis gekennzeichnet: mein Hund Kurt war in der Nacht verschwunden. Im Gegensatz zu den meisten syrischen Pariahunden offenbarte er ein höchst anschmiegendes Wesen, war auch (und darin unterschied er sich wiederum nicht von seinen halbverhungerten Stammesgenossen) unersättlich gefräßig, weshalb die Wahrscheinlichkeit nahelag, daß er mit einem Knochen weggelockt und eingesperrt worden war, bis wir glücklich aus dem Wege sein würden. Während Habīb nach der einen Richtung hin das Dorf durchstreifte, und Michaïl nach der anderen, erschien der Polizeikommissar auf dem Schauplatz und suchte Balsam in die Wunde meines Schmerzes zu träufeln. Nach einiger Zeit erschien Habīb wieder, hinter ihm Kurt, schweifwedelnd und an einer Kette befestigt. Wie jener atemlos berichtete, hatte er das Tier, an eben diese Kette gefesselt, bei jemand entdeckt, der es hatte stehlen wollen.

»Und als Kurt meine Stimme hörte, bellte er; ich ging in den Hof und sah ihn. Und der Herr der Kette verlangte sie von mir, aber bei Gott! ich gab sie ihm nicht, sondern schlug ihn zu Boden damit. Gottes Zorn über den diebischen Metawīleh!«