Und so habe ich das Vergnügen zu berichten, daß die Metawīleh eine ganz so unehrliche Gesellschaft sind, wie das Gerücht von ihnen geht, daß ihre Anschläge aber von umsichtigen Christen vereitelt werden können.

Wir ritten das weite und öde Tal zwischen Libanon und Antilibanon dahin. Ich hätte ja mit der Bahn nach Homs und weiter bis Hamah reisen können, aber ich zog es vor, je nach Laune von einer Seite des Tales nach der anderen zu kreuzen, um alle interessanten Stätten der Gegend aufzusuchen, und das war mir nur zu Pferde möglich. Das nördlich von Ba'albek gelegene Syrien war mir unbekannt, es war auch insofern ein Abschnitt, als hier die Karte von Palästina aufhörte. Ich mußte nun meine Zuflucht zu Kieperts kleiner aber vortrefflicher Karte nehmen, die ich aus dem in Saleh verbliebenen Werke Oppenheims entfernt hatte. Es gibt keine andre genügende Karte, bis etliche dreißig Meilen südlich von Aleppo Kieperts großer kleinasiatischer Atlas im Maßstabe von 1 : 400000 einsetzt; diesem Übelstand wird hoffentlich abgeholfen sein, sobald die Amerikanische Princeton-Expedition ihr Werk herausgibt. Nach 4½ Stunden erreichten wir Lebweh, wo der Hauptquell des Orontes in einer Menge kleiner Brünnchen dem Boden entspringt — ein entzückender Anblick. Hier war es, wo wir von zwei Soldaten eingeholt wurden, die der Kāimakām uns mit der höflichen Frage nachgeschickt hatte, ob mir eine Eskorte erwünscht wäre. Ich schickte den einen Mann zurück, behielt aber den anderen, um den Kāimakām nicht zu verletzen. Unser neuer Begleiter nannte sich Derwisch und erwies sich als sehr nützlich und angenehm, wie in der Tat die ganze lange Reihe seiner Nachfolger, die uns eskortierten, bis ich den Zug in Konia bestieg. Einige von ihnen trugen viel dazu bei, die Reise unterhaltend zu gestalten: während wir Stunde um Stunde nebeneinander dahinritten, erzählten sie mir vielerlei von ihren Erfahrungen und Abenteuern. Diese Unterbrechung des Garnisonlebens behagte ihnen nicht wenig; gar wohl gefiel ihnen auch der Medschideh (etwa vier Mark) täglich, der ihnen viel sicherer war als der Sold des Sultans. Nach Ablauf ihrer Dienstzeit beschenkte ich sie überdies noch mit einem kleinen Trinkgeld, und sie erhielten sich und ihre Pferde mit den Nahrungsmitteln und dem Futter, die sie, wie ich starken Verdacht hege, dem Bauernvolk gewaltsam abnahmen — eine Art offizieller Erpressung, gegen die einzuschreiten der Reisende keine Macht hat.

Säulen des Sonnentempels, Ba'albek.

In Lebweh befinden sich die Ruinen eines Tempels, der in derselben massigen Bauweise wie Ba'albek errichtet war. Ein aus vier Steinlagen bestehendes Podium, das von einem einfachen Sims, lediglich einer krummgezogenen Fläche, überragt wird, ist alles, was davon übriggeblieben. Das Dorf gehört Asad Beg, einem reichen Metawīleh, dem Bruder des in ganz Nordsyrien wohlbekannten Dr. Haida. Er ist in der Tat überall zu finden. Komme ich doch nie nach Damaskus, ohne ihn zu treffen, und immer gewährt es mir Befriedigung, denn er ist außerordentlich intelligent und in der Literatur Arabiens gut zu Hause. Neuerdings ist er zu irgend einem Posten an der Bahn von Mekka berufen worden; meines Wissens ist er der einzige Mann seines Stammes, der eine gute Erziehung genossen und sich hervorgetan hat.

Wir schlugen unser Lager in Rās Ba'albek, 1½ Stunde von Lebweh entfernt auf, wo sich eine vortreffliche Quelle in einer Schlucht der östlichen Hügel befindet. Der beißende Frost hatte eines Morgens aufgehört — dem Himmel sei Dank! — aber noch war es kalt. Die Graupeln schlugen an die Zeltwand, als wir in der Morgendämmerung aufstanden, und den ganzen Tag ritten wir in einem teuflischen Wetter dahin. Und dies war der 8. März! Ja, der Frühling reist gemächlich in das nördliche Syrien! Ich ließ mein Lagergerät auf dem direkten Wege gehen, um mit Derwisch ein Denkmal aufzusuchen, welches sich auf einer kleinen Anhöhe inmitten des Orontes-Tales erhebt und auf dieser trostlosen Fläche von jeder Seite her auf eine Tagereise weit sichtbar ist. Es ist ein hoher Turm aus massivem Steingemäuer mit einer Pyramide auf der Spitze; viereckige Wandpfeiler und ein grober Fries mit Kriegstrophäen und Jagdszenen in Basrelief bilden die Dekoration. Die Syrer nennen es nach einem nahegelegenen Dorfe Kāmu'a Hurmul (Turm von Hurmul), und die Gelehrten vermuten, daß es zum Gedächtnis an irgend eine große Schlacht der Römer errichtet wurde. Ob sie recht haben oder nicht, läßt sich durch keinerlei Inschrift nachweisen. Es liegt zwei Wegstunden westlich von Rās Ba'albek. Von dem fürchterlichen Wind gepeitscht, ritten wir noch 1½ Stunden weiter bis zu einer Reihe kleinerer Erdwälle, welche die Luftlöcher eines unterirdischen Kanals deckten. In Persien nennt man es einen Kanāt, und ich glaube, so heißt es auch auf Arabisch. 2½ weitere Stunden brachten uns nach Kseir; und als eine Viertelstunde später auch die Maultiere eingetroffen waren, schlugen wir unser Lager dicht an der Begräbnisstätte außerhalb der häßlichen, aus Lehm erbauten Stadt auf. Nach Sonnenuntergang legte sich der Wind, und Friede, physischer sowohl als moralischer, zog ins Lager ein. Hatte doch sogar Michaïls gute Laune unter der Wut der Elemente gelitten, während Habīb, heiter wie gewöhnlich, hereingekommen war, und ich mich — ich freue mich, das konstatieren zu können — in philosophisches Schweigen gehüllt hatte, sobald ich fühlte, daß der Orkan sich mit meinem Humor entfernen wollte. Mohammed der Druse war nicht mehr bei uns; wir hatten ihn in Damaskus zurückgelassen. Mochte es seine eigne Schuld sein, oder hatten sich die anderen gegen ihn zusammengetan — jedenfalls nahmen die Verdrießlichkeiten und der Streit kein Ende, und es war besser, ein Glied des Stabes zu opfern, um die Karawane in Einigkeit zu erhalten. In Damaskus, wo unser Vertrag endete, schieden wir als die besten Freunde, und eine Reihe von Mietlingen, die sich — in meinen Augen wenigstens — durch nichts voneinander unterschieden, nahm seinen Platz ein.

Das Tal des Orontes war früher arabischer Lagerplatz; noch jetzt lassen sich in trocknen Zeiten einige Scheichs der Haseneh und der 'Anazeh dort nieder, aus dem letzteren Stamme hauptsächlich die Ruwalla; aber die große Masse der Beduinen ist von der Zivilisation verdrängt worden. Der Kāmua wahrt ihr Gedächtnis in Gestalt alter Stammeszeichen. Seltsam mutete es an, daß wir uns in den Niederlassungen der alten Hittiter (wer sie auch gewesen sein mögen) befanden; die berühmten Proben ihrer noch bis jetzt nicht entzifferten Schrift, die in Hamah aufgefunden wurden, sind jetzt in dem Museum von Konstantinopel untergebracht und spotten der Bemühungen der Gelehrten. Die jetzigen Einwohner von Kseir bestehen teilweise aus Christen und aus Gliedern einer die »Nosairijjeh« genannten Sekte. Der Islam erkennt sie zwar nicht als Rechtgläubige an, aber sie geben sich, wie alle die kleineren Sekten, die größte Mühe, den äußeren Unterschied zwischen sich und dem herrschenden Glauben zu verwischen. Sie halten ihre Glaubenslehren möglichst geheim, aber Dussaud hat ihnen gründlich nachgespürt und manche Anklänge an den alten Phönizierglauben entdeckt. Abgeschlossen in ihren Bergfesten lebend, haben die Nosairijjeh ihren alten semitischen Kultus beibehalten und nehmen als direkte Abkömmlinge des Heidentums eine hohe Stellung in den Augen der Syriologen ein, während sie selbst über ihre Abstammung völlig im Dunklen sind. Im Lande sprach man Übles von ihrer Religion, wie man ja überhaupt immer über Dinge, die man nicht versteht, Böses zu flüstern pflegt, und als sichtbaren Beweis sagte man mir, daß das Leben dieser Sekte alles zu wünschen übrig lasse. Aber Dussaud hat den Fleck weggewaschen, der auf ihrem Glauben lag, und ich meinerseits beobachte, nach meinen Erfahrungen über ihr Verhalten Fremden gegenüber, eine wohlwollende Neutralität. Habe ich doch fünf Tage in dem Bergland westlich von Homs verlebt und eine Woche in der Nähe Antiochiens, in welch beiden Distrikten sie besonders vertreten sind, und habe keinen Grund zur Klage gehabt. Weniger war mein Hund Kurt mit der Gesellschaft zufrieden, die er in Kseir antraf. Er bellte die ganze Nacht hindurch unaufhörlich, fast hätte ich ihn in den Hof des Metawīleh zurückgewünscht.

Tempel des Jupiter, Ba'albek.

Der folgende Tag brachte herrliches Wetter. Ich machte mit Michaïl einen weiten Umweg, um den Tell Nebi Mendu aufzusuchen, wo Kadesch am Orontes, die südliche Hauptstadt der Hittiter, lag. Kadesch muß seinerzeit eine schöne Stadt gewesen sein. Der Hügel, auf dem es erbaut wurde, erhebt sich aus einer großen Getreideebene. Nach Süden zu zieht sich zwischen den Zwillingsketten des Libanon das breite Orontestal dahin, im Westen wird es durch den Djebel Nosairijjeh gegen das Meer hin geschützt, und der Libanon umschließt mit den Nosairijjehbergen ein blühendes Flachland, durch welches die Kaufleute mit ihren Waren an das Meer gelangen können. Nach dem nördlichen Horizont erstrecken sich die Ebenen von Zölesyrien, und die Steppen der palmyrischen Wüste begrenzen den Blick nach Osten. Der Fuß des Tell wird von dem kleinen aber reißenden Orontes (der »Rebell« bedeutet sein arabischer Name) bespült, ganz im Vordergrund aber liegt der sechs Meilen lange See Homs. Man nähert sich dem Hügel Kadesch auf grasbewachsenen Flächen; zwischen Weidengebüsch dreht sich ein Mühlrad lustig in dem rauschenden Strom. Die Gegend muß seit den Zeiten der Hittiter beinahe ununterbrochen bewohnt gewesen sein, denn die Geschichte erwähnt eine Seleucidenstadt Laodicea ad Orontem, auch finden sich Spuren einer christlichen Stadt. Jede nachfolgende Generation hat auf dem Staube derer gebaut, die vor ihr gewesen. So ist der Berg höher und höher geworden und sicher auch reicher und reicher an Spuren von denjenigen, die darauf wohnten. Aber er kann nicht gänzlich durchgraben werden wegen der armseligen Lehmhütten, die den Ruhm von Laodicea und Kadesch geerbt haben. Und da ist ja auch der kleine Kirchhof am Nordende des Dorfes, der, so will es der Islam, ungestört bleiben muß, bis die Posaune Gabriels die Schläfer weckt. Ich sah wohl Fragmente von Säulen und recht rohen Kapitälen umherliegen, aber als ich so auf dem Berge stand, war meine Phantasie zu lebhaft beschäftigt, ein Bild von der Schlacht bei Kadesch zu weben, wo der König der Hittiter seinerzeit gegen Pharao kämpfte, und von der uns eine wundervolle Reihe Hieroglyphen in Ägypten erzählt. Ein viertelstündiger Ritt führte von Tell Nebi Mendu an eine seltsame Erdarbeit, die von den Arabern für Sefinet Nuh (Noahs Arche), von den Archäologen dagegen für eine assyrische Befestigung erklärt wird; jede der beiden Auslegungen über den ursprünglichen Zweck kann mit derselben Berechtigung für richtig gelten. Es ist ein quadratischer Erdhaufen mit genau nach den Punkten des Kompaß gerichteten Seiten; er erhebt sich 40-50 Fuß über die Ebene und wird von einem Graben umgeben, dessen Ecken noch scharf sind.