Kapitäle in dem Tempel des Jupiter, Ba'albek.

Wir ritten auf die Spitze und fanden, daß es eine ungefähr eine Achtelmeile im Geviert messende Plattform war; die vier ein wenig erhabenen Ecken mochten wohl Türme getragen haben, und Turm sowohl als Wall und Plattform waren mit aufsprießendem Getreide bedeckt. Der Schöpfer — ob Patriarch oder Assyrer — mag eine mühevolle Arbeit gehabt haben, aber solange man nicht mit Nachgrabungen begonnen hat, muß es dahingestellt bleiben, welchem Ziel sein Schaffen diente. Wir ritten an den See hinunter, um bei dem Lecken der plätschernden Wellen auf einer Bank aus sauberen Muscheln zu frühstücken. In der Nähe der Ufer befanden sich noch zwei weitere Erhöhungen, und eine dritte etwa eine Meile vor Homs, während die Burg Homs selbst auf einer vierten errichtet worden war. Sie scheinen alle von Menschenhand geschaffen und bergen mutmaßlich Überreste von Schwesterstädten Kadeschs. Die fruchtbare Ebene östlich vom Orontes muß von jeher imstande gewesen sein, eine große Bevölkerung zu ernähren; vielleicht war dieselbe zu der Hittiter Zeit größer als in unseren Tagen. Diesen Tag hatte unser Ritt von 8½-2 Uhr gedauert mit einer dreiviertelstündigen Rast bei Tell Nebi Mendu und einer halbstündigen am See.

Brunnen im großen Hof, Ba'albek.

Fragment eines Gebälkes, Ba'albek.

Wir zogen in Homs durch den Friedhof ein. Daß sich schon vor demselben auf eine Viertelmeile hin Gräber befanden, ist nicht etwa lediglich eine Eigentümlichkeit Homs', sondern den Städten des Orients überhaupt eigen. Jede Stadt wird durch Bataillone Toter bewacht, und durch ein Regiment beturbanter Grabsteine flutet das Leben der Stadt hin und her. Nun war es gerade Donnerstag, als wir in Homs eintrafen, der allwöchentliche Allerseelentag in der mohammedanischen Welt. Gruppen verschleierter Frauen legten Blumen auf die Gräber oder saßen munter plaudernd auf den Hügeln — sind doch die Grabstätten für die Frauen des Orients ein Vergnügungsort, ein Spielplatz für die Kinder, und die düstere Bestimmung des Ortes vermag den Besuchern den Frohsinn nicht zu rauben. Mein Lager wurde außerhalb der Stadt auf einer Rasenfläche zwischen den Ruinen der Garnison aufgeschlagen, die von Ibrahim Pascha erbaut und von den Syrern sofort nach seinem Tode zerstört worden war. Jede Spur seiner verhaßten Besetzung des Landes sollte vernichtet werden. Alles war bereit für mich; schon kochte das Wasser zum Tee, und der Kāimakām hatte einen Boten geschickt, um versichern zu lassen, daß jeder meiner Wünsche auf der Stelle beachtet werden würde. Trotzdem gefiel mir die Stadt Homs nicht, und freiwillig werde ich nie wieder dort kampieren. An diesem Entschluß war das Betragen der Einwohner schuld, von dem ich jetzt reden will. Dem Benehmen des Kāimakām, den ich nach der Teestunde besuchte, kann ich das beste Lob spenden; er erwies sich als ein angenehmer Türke, der, ein wenig der arabischen Sprache mächtig, mir sehr freundlich entgegenkam. Es waren noch verschiedene andere Leute anwesend, beturbante Muftis und ernste Senatoren, und wir unterhielten uns beim Kaffee höchst angenehm. Als ich mich Abschied nehmend erhob, erbot sich der Kāimakām, mir einen Soldaten zum Schutze durch die Stadt mitzugeben; ich lehnte jedoch mit der Bemerkung ab, daß ich der arabischen Sprache mächtig sei und daher nichts zu fürchten brauche. Aber da hatte ich mich getäuscht: keinerlei Kenntnis der Sprache könnte den Fremdling in Homs instand setzen, den Leuten seine Meinung klarzumachen. Die Verfolgung begann schon, ehe ich den Fuß nur in den Bazar gesetzt hatte. Ich hätte der Rattenfänger von Hameln sein können, so heftete sich eine Schar kleiner Knaben an meine Fersen. Ein Weilchen ließ ich mir ihre Neugierde gefallen, dann begann ich zu schelten und nahm schließlich meine Zuflucht zu den Geschäftsleuten im Bazar. Das wirkte eine Weile; aber als ich wagte, eine Moschee zu betreten, drängten sich nicht nur die kleinen Burschen nach, sondern (so erschien es wenigstens meiner erregten Phantasie), überhaupt jedes männliche Individuum aus Homs. Nicht etwa, daß sie ärgerlich gewesen wären, mich hätten zurückhalten wollen, sie wünschten im Gegenteil sehnlichst mein langes Bleiben, um mich desto länger beobachten zu können. Das war mehr, als ich ertragen konnte, und ich floh zu meinen Zelten zurück, wobei mir etwa 200 Paar neugieriger Augen das Geleit gaben, und ließ einen Zaptieh holen, den ich, nun klüger geworden, anderen Tags gleich zu Anfang mitnahm. Wir erklommen die Spitze des Burgberges, um einen Überblick über die Stadt zu gewinnen. Homs hat zwar nichts von großer architektonischer Schönheit aufzuweisen, trägt aber dafür ein ganz spezielles Gepräge. Es ist aus Tuffstein erbaut; die großen Häuser umschließen Höfe, deren schwarze Mauern mit einfachen aber schönen Mustern in weißem Kalkstein geziert sind. Hier und da sieht man den weißen Stein, mit dem schwarzen abwechselnd, in geraden Linien gelegt, wie die Fassade der Kathedrale zu Siena. Auch durch die Minarets fühlt man sich nach Italien versetzt, diese schlanken, viereckigen Türme, die so völlig denen in San Gimignano gleichen, nur daß sie in Homs so hübsch und wirkungsvoll durch eine weiße Kuppel gekrönt sind. Die Überreste des Kastells waren arabischen Ursprungs, wie auch die Befestigungswerke um die Stadt herum, nur an einer Stelle, im Osten, schien der arabische Bau auf älteren Fundamenten zu ruhen. Ich sah nur ein einziges Bauwerk aus der mohammedanischen Zeit, nämlich eine Ziegelruine vor dem Tripolitor; sie war unzweifelhaft römisch, die einzige Reliquie der Römerstadt Emesa. Auch der Burgwall befindet sich außerhalb der Stadt. Als ich meine Überschau beendet hatte, traten wir durch das Westtor ein, um uns umzusehen. Diese Tätigkeit erfordert Zeit; alle Augenblicke wird man durch die dringliche Einladung unterbrochen, hereinzukommen und Kaffee zu trinken. Wir kamen am Turkmān Djāmi'a vorüber, wo sich ein paar griechische Inschriften in das Minaret eingebaut finden, und ein als Brunnen dienender Sarkophag mit eingemeißelten Stierköpfen und Girlanden. Da der Zaptieh dafür war, daß ich unter allen Umständen dem Bischof der griechisch-katholischen Kirche meine Aufwartung machen sollte, begab ich mich nach seinem Palast, kam jedoch zu früh, um Seine Herrlichkeit zu sehen. Indes wurde ich mit Marmelade, Wasser und Kaffee bewirtet und durfte den Klageliedern zuhören, die des Bischofs Sekretär den Siegen der Japaner widmete. So oft die Nachricht von einer Niederlage der Russen eintraf, hielt die griechisch-katholische Kirche einen Trauergottesdienst, und eben jetzt flehten sie andächtig zum Allmächtigen, die Feinde des Christentums zu strafen. Der Sekretär beauftragte einen Diener, mir die kleine Kirche Mār Eliās und einen interessanten Marmorsarkophag darin zu zeigen, auf dessen Boden ich lateinische Kreuze eingemeißelt fand, während der Deckel griechische aufwies; ich halte dafür, daß es spätere Ergänzungen eines aus klassischer Zeit stammenden Grabmals sind. Vor der Kirche traf ich einen gewissen 'Abd ul Wahhāb Beg, den ich bei einem Besuche beim Kāimakām in Serāya getroffen. Er lud mich in sein Haus. Ich fand darin die Homs eigene Innenarchitektur schön vertreten: den Hof des Harem in reizenden Mustern aus Kalkstein und Basalt dekoriert. Inzwischen war der Zaptieh dahintergekommen, was ich eigentlich zu sehen wünschte, und er verkündete mir, daß er mich in das Haus eines gewissen Hassan Beg Nā'i führen würde, es sei das älteste in Homs. Als wir durch die engen aber auffallend reinlichen Straßen dem Ziele zuwanderten, bemerkte ich fast in jedem Hause einen Webstuhl, an dem ein Mann geschäftig jenen gestreiften Seidenstoff webte, für den Homs berühmt ist. In den meisten Gassen war auch Seidengarn ausgespannt. Der Zaptieh erzählte, die Leute würden nach dem Stück bezahlt und verdienten täglich 7–12 Piaster (etwa 1–2 Mark), — ein hübscher Verdienst im Osten. Der Lebensunterhalt wäre billig, fügte mein Cicerone hinzu, für 100 Piaster könnte ein armer Mann ein Haus — das heißt, ein einziges Zimmer — mieten, um eine Familie zu ernähren, genügten 30–40 Piaster, ja noch weniger, wenn keine Kinder vorhanden wären.

Basilika des Konstantin, Ba'albek.