Neuntes Kapitel.
Wir brachen am andern Morgen sehr zeitig auf, aber die Leute in Homs standen früh auf, um uns abreisen zu sehen. Nur der feste Entschluß, ihnen nicht mehr Vergnügen zu bereiten, als unbedingt nötig war, hielt mich äußerlich ruhig. Eine Viertelstunde später hatten wir das Tripolitor und den römischen Ziegelbau hinter uns und waren damit außerhalb des Gesichtskreises selbst des scharfäugigsten der kleinen Buben angelangt. Die friedliche Schönheit des Morgens beruhigte auch unsre Gemüter, und ich ging nun daran, die Bekanntschaft der Gefährten zu machen, die der Kāimakām mir zugesellt hatte. Es waren ihrer vier; zwei gingen frei, die anderen in Fesseln. Die beiden ersteren waren kurdische Zaptiehs, der eine war beauftragt, mich nach Kal'at el Husn zu geleiten, der andere hatte das zweite Paar meiner Reisegenossen zu bewachen. Dies waren Gefangene, die der Kāimakām schon einige Tage in seinem Gewahrsam hatte, bis ihm meine Reise endlich günstige Gelegenheit bot, sie nach der Festung im Djebel Nosairijjeh zu senden, von wo aus sie dann weiter in das große Gefängnis zu Tripoli befördert wurden. Sie waren in zerlumpte Baumwollengewänder gekleidet und aneinandergefesselt, diese Ärmsten. Wie sie so tapfer durch Schmutz und Schlamm dahintrotteten, äußerte ich ein Wort des Mitgefühls; darauf erwiderten sie, Gott möge mir langes Leben schenken, aber es sei der Wille ihres Herrn, des Sultans, daß sie in Ketten gingen. Einer der Kurden unterbrach sie mit der Erklärung:
»Es sind Deserteure aus dem Heere des Sultans: Gott vergelte ihnen nach ihren Taten! Übrigens sind sie Ismailiten aus Selemijjeh und beten einen fremden Gott an, der im Lande Hind wohnt. Es wird gesagt, dieser Gott sei eine Frau, und daß sie sie aus diesem Grunde anbeten. Jedes Jahr läßt sie durch Abgesandte auch in diesem Lande das ihr gebührende Geld einsammeln, und auch die ärmsten Ismailiten spenden ihr einige Piaster. Trotzdem behaupten sie, Moslemiten zu sein: Gott allein weiß, was sie glauben. Komm, Chudr, sage uns, was du glaubst!«
Der also aufgeforderte Gefangene erwiderte verstockt:
»Wir sind Moslemiten.« Aber die Worte des Soldaten waren mir ein Fingerzeig gewesen, dem ich folgte, als die beiden Unglücklichen, sich nahe an mein Pferd drängend, mir zuflüsterten:
»Meine Dame, meine Dame, sind Sie im Lande Hind gewesen?«
»Ja,« sagte ich.
»Gott segne Sie für dieses Ja! Haben Sie auch von dem großen König gehört, den sie König Mohammed nennen?«