»Mord ist wie das Ausgießen von Wasser,« stöhnte sie, »oh Allerbarmer!«

Spät erst verließen mich die Frauen. Eine erbot sich, die Nacht in meinem Zimmer zuzubringen, aber ich lehnte höflich und entschieden ab.

Am nächsten Morgen weckte mich der Donner, und Hagelkörner prasselten gegen meine Läden. Mir blieb nichts übrig, als weitere 24 Stunden bei dem Kāimakām zu verbringen und dankbar zu sein, daß wir ein schützendes Dach über unsern Häuptern hatten. Ich erforschte die Burg von einem Ende zum andern; glücklicherweise lebt in jedem von uns das ewige Kind, das mehr Vergnügen an den unterirdischen Kerkern und den Befestigungen einer Burg findet als an irgend einem anderen Zeugen der Vergangenheit. Kal'at el Husn ist so groß, daß die halbe Bevölkerung des Dorfes Wohnung in den gewölbten Unterbauen der Festung gefunden hat, während die Besatzung die oberen Türme innehat. Die Mauern des inneren Festungsbaues erheben sich aus einem hinter dem äußeren Befestigungsgürtel liegenden Graben. Durch diese Befestigungen hatte uns gestern abend der gewölbte Gang geführt. Am Tore der inneren Mauer wohnte der Burgfleischer, der jeden Morgen ein Schaf auf der Schwelle schlachtete. Wer sie überschritt, watete durch einen Bluttümpel und mußte meinen, irgend ein barbarisches Opfer würde alltäglich am Tore vollzogen. Das Hauptgebäude enthielt die jetzt in eine Moschee verwandelte Kapelle und einen Bankettsaal mit gotischen Fenstern, deren Öffnungen man mit Steinen ausgesetzt hatte, um die Inwohner vor der Kälte zu schützen. Der Turm, in den ich einquartiert war, gehörte zu den oberen Befestigungswerken und erhob sich auf den zu drei Stockwerken übereinandergesetzten Gewölben. Von diesem Turme aus führte ein schmaler Gang auf der Mauer hin in einen großen, prachtvollen Raum, unter dem sich ein runder Turm mit einem kreisrunden Gemach befand, dessen Decke aus einem vierteiligen Gewölbe bestand, und dessen spitze Fenster Rosetten und mit Friesen geschmückte Bogen aufwiesen. Die Burg wird in den Chroniken der Kreuzzüge »Kerak der Ritter« genannt. Sie gehörte den Hospitalrittern, und der Großmeister des Ordens machte sie zu seiner Residenz. Der ägyptische Sultan Malek ed Dahēr eroberte sie, stellte sie wieder her und setzte seine prahlerische Inschrift über das Haupttor. Die Burg ist eine der besterhaltenen vielen Festungen, die Zeugnis ablegen von dem wunderlichen Gemisch von edlem Eifer, Fanatismus, Ehrgeiz und Verbrechen, aus denen die Geschichte der Kreuzzüge zusammengesetzt ist — eine Seite ihrer Geschichte, auf welche die christlichen Nationen nicht ohne Erröten blicken und die sie nicht lesen können, ohne so viel vergeblichem Heldenmut ein unwillkürliches Mitleid zu zollen. Denn für eine unwürdige Sache zu sterben, ist die schwerste Niederlage.

Fenster des Bankettsaales.

Kerak lehnt sich eng an die militärische Architektur des südlichen Frankreichs an, wenn es auch Spuren des orientalischen Einflusses aufweist, von dem sich die großen Ritterorden überhaupt ja nicht ganz freimachen konnten. Viel mehr als die Hospitalritter unterlagen ihm freilich die Tempelherren. Wie bei den zeitgenössischen arabischen Festungen gewannen auch hier die Mauern nach ihrem Fuße zu immer mehr an Stärke und endigten in schräg abfallenden Bastionen aus solidem Mauerwerk, die den Angriffen der Sappeure Trotz boten; die gerundeten Türme aber, die so weit aus der Mauerlinie vorsprangen, zeigten durchaus französischen Charakter. Der Überlieferung nach haben die Kreuzfahrer bereits eine Burg auf dem Berggipfel vorgefunden und sie den Arabern genommen; ich konnte jedoch keine Spur noch früherer Bauten finden. Wohl aber stammen Teile der jetzt vorhandenen Festung aus einer späteren Zeit, so z. B. ein großes Gebäude am inneren Graben, dessen Mauern erhabene Löwen zeigten, die den Seldschukischen Löwen nicht unähnlich waren.

Kal'at el Husn, innerer Festungsgürtel.

Nach dem Frühstück stieg ich den schlüpfrigen Berg hinab in das Dorf und stattete der Sitt Ferīdeh und ihrem Manne einen Besuch ab. Ich fand ein zweites christliches Paar dort; der Mann war der Sāhib es Sanduk, wohl eine Art Schatzmeister. Die beiden Männer sprachen über die Lage der syrischen Armen. Nach der Meinung des Feldmessers brauchte keiner Hungers zu sterben, wie das von ihm aufgestellte Budget des Durchschnittsbauern bestätigte. Selbst der ärmste Fellahīn kann im Jahre 1000–1500 Piaster verdienen (140–220 Mark), hat aber außer der Kopfsteuer und der Entschädigungssumme für seinen militärischen Ersatzmann keinen Pfennig Geld auszugeben. Fleisch ist ein unbekannter Luxus; ein Faß Semen (ranzige Butter) kostet höchstens 8–10 Mark und genügt auf Monate hinaus, um den Burghul und andre Mehlgerichte schmackhaft zu machen. Werden die Körnerfrüchte und der Semen knapp beim Bauer, so braucht er nur in das Gebirge oder in das flache Land hinabzugehen, das noch herrenloses Gebiet ist, und sich eßbare Kräuter zu sammeln oder nach Wurzeln zu graben. Sein Haus baut er sich eigenhändig, den Platz, auf dem es steht, hat er umsonst, Geräte und Möbel braucht er nicht hinein. Und Kleidung? Da ist ihm wenig genug vonnöten: einige Leinenhemden, alle 2–3 Jahre ein wollenes Gewand und ein Baumwollentuch um den Kopf. Selten nur bleiben die Alten und Kranken ohne Pflege; haben sie noch eine Familie, so sorgt diese für sie, sind sie aber ganz ohne Angehörige, so können sie ihr Leben leicht durch Betteln fristen, denn kein Orientale weist die Bitte um eine kleine Gabe zurück, wenn der Arme auch nur selten Geld geben kann. Wenige Fellahīn besitzen eigenes Land, sondern sie arbeiten um Tagelohn auf den Gütern der Reicheren. Die Hauptgrundbesitzer um Kal'at el Husn gehören der aus Tripoli stammenden Familie der Danādischeh an. Noch bis vor kurzem war die Burg nicht Eigentum der Regierung, sondern gehörte dem Geschlecht der Zabieh, in deren Besitz sie zwei Jahrhunderte gewesen, und deren Nachkommen noch jetzt eine Wohnung am äußeren Wall innehaben. Hier fiel der Schatzmeister mit der Bemerkung ein, daß selbst der mohammedanischen Bevölkerung die ottomanische Herrschaft verhaßt wäre, und daß sie sich viel lieber von einem Fremden regieren lassen würden — möge er immerhin ein Ungläubiger sein — am liebsten von den Engländern, denn Ägyptens Wohlfahrt hätte einen tiefen Eindruck auf die Syrer gemacht.

An diesem Abend ließ mich der Kāimakām fragen, ob ich allein zu speisen wünschte, oder ob ich ihm und seiner Frau die Ehre geben wollte. Ich bat um den letzteren Vorzug. Trotz seines wahrhaft rührenden Bemühens, mir ein guter Wirt zu sein, war er doch still und traurig zu Beginn des Diners, bis wir endlich ein Thema anschnitten, das ihn seinem Kummer einigermaßen entzog. Die großen Toten kamen uns zu Hilfe und trugen Worte auf ihren Lippen, die schon Menschengeschlecht um Menschengeschlecht Balsam ins sinkende Herz geträufelt haben. Der Kāimakām war wohlvertraut mit der arabischen Literatur; er kannte die Meister der Wüstendichtung auswendig und trug Lied um Lied vor, sobald er erfahren, daß ich sie zwar hochschätzte, aber nur wenig von ihnen kannte. Sein eigner Geschmack freilich neigte sich mehr modernerer Dichtung zu; einer seiner Lieblingsdichter schien der dem zehnten Jahrhundert angehörende Mutanabbi zu sein. Noch glüht etwas vom Feuer der Alten in Mutanabbis Zeilen, und hell lohte es wieder auf, als der Kāimakām die berühmte Ode zitierte, in der der Dichter Abschied von den Freuden der Jugend nimmt: