»Wie oft hab ich das Alter hergesehnt, den Sturm im Herzen mir zu stillen!
und sollte ich nun klagen, da mein Bitten mir erfüllt?
Alles Wünschen ist erstorben, nur dem Speer noch gilt mein Lieben,
Ihm allein sei Spiel und Scherz geweiht.
Gibt's einen schön'ren Sitz im Leben als den Sattel des flücht'gen Renners?
Einen bessren Gefährten für die Muße als ein Buch?«
»Diese Zeilen,« schloß der Kāimakām, »müssen Ew. Exzellenz doch gefallen!«
Als er mich in das Gastgemach zurückbrachte, fragte er, ob er mir nicht sein letztes Gedicht vorlesen dürfte, das er auf Bitten der Studenten der amerikanischen Universität zu Beirut (der berühmtesten derartigen Anstalt Syriens) zur Feier eines Jahrestages verfaßt, den sie binnen kurzem festlich begehen wollten. Zunächst brachte er den in den schmeichelhaftesten Ausdrücken abgefaßten Brief der Studenten zum Vorschein, dann sein Manuskript und las mir seine Verse mit der trefflichen Betonung des orientalischen Rezitators vor. Von Zeit zu Zeit hielt er inne, um die Bedeutung einer Metapher zu erklären oder eine Erläuterung zu einer schwierigen Strophe zu geben. Er sang das Lob der Bildung, endete aber höchst inkonsequenterweise mit einem liebedienerischen Hymnus auf den Sultan, eine Stelle, die ihn noch dazu mit großem Stolz erfüllte. Soweit ich es beurteilen konnte, war es keine besonders hervorragende Poesie; aber was schadet das? Es gibt keinen besseren Trost im Kummer als das Bewußtsein, Schöpfer irgend eines Werkes zu sein, und für eine kurze Stunde vergaß der Kāimakām seinen Schmerz und lebte in einer Welt, wo kein Leid ist, noch Geschrei. An passenden Stellen drückte ich meine Billigung und mein Lob aus und mußte innerlich darüber lachen, daß ich hier denselben liebenswürdigen Unsinn auf Arabisch redete, den man so oft auf Englisch sagt.
Statt zwischen den kahlen Wänden einer Kreuzfahrerfestung hätte ich ebenso gut in einem Londoner Salon sitzen können. Ist doch die Welt allüberall aus demselben Stoff gemacht!
Am nächsten Morgen regnete es noch immer; in mißlichster Laune kleidete ich mich an und frühstückte, als die Wolken plötzlich wie von Zauberhand weggeschoben wurden, und 7½ Uhr brachen wir beim herrlichsten Sonnenschein auf. Am Fuße des steilen Hügels, der das Kastell trägt, liegt inmitten eines Olivenhains ein griechisches Kloster. Als wir es erreichten, stieg ich ab, um den Abt zu begrüßen, aber siehe da! er war ein alter Bekannter von mir, dem ich bereits vor fünf Jahren bei meiner Rückkehr von Palmyra im Kloster Ma'alūla begegnet war. Große Freude herrschte über dieses glückliche Zusammentreffen, zu dessen Feier viel Marmelade, Kaffee und Wasser vertilgt wurde. Mit Ausnahme einer kryptaähnlichen Kapelle, die 1200 Jahre alt sein soll, ist das Kloster wieder aufgebaut worden. Das Gewölbe der alten Kapelle wird von zwei Marmorsäulen getragen, die unterhalb des Kapitäls abgebrochen und in die Wand eingefügt sind, ein Verfahren, das mehr seltsam als schön zu nennen ist. Die Kapitäle zeigen die Form von Lilienblüten im byzantinischen Stil. Am Altar, der ein schönes Muster moderner Holzschnitzerei ist, befinden sich einige prächtige persische Kacheln in der Wand. In der Westmauer des Klosters zeigte man mir eine so schmale Pforte, daß es kaum möglich war, sich hindurchzuzwängen, — unmöglich, wie die Mönche sagten, jedenfalls für den, der nicht reines Herzens ist. Ich wagte nicht, meinen Ruf durch einen Versuch, mich hindurchzudrängen, aufs Spiel zu setzen.
Wir ritten weiter durch dünnbewaldete aber desto dichter mit Blumen besetzte Täler; die Obstbäume begannen zu blühen, das Geißblatt grünte, und bei einem winzigen Friedhof ließen wir uns unter knospenden Eichen zum Frühstück nieder. Vor uns lag der kritische Punkt unsrer Tagereise. Schon sahen wir die Mauern der Burg Sāfita auf dem gegenüberliegenden Hügel, aber noch trennte uns ein angeschwollener Strom, dessen Brücke weggerissen, und dessen Furt, einem Gerücht zufolge, unpassierbar war. Als wir die Ufer des Abrasch erreichten, sahen wir durch das weite Bett eine einzige wirbelnde und schäumende Wassermasse hinabtosen, die kein beladenes Maultier durchwaten konnte. Zwei Stunden ritten wir stromabwärts und gelangten gerade noch zur rechten Zeit an die zweite Brücke, die Djisr el Wād, die sich im letzten Stadium des Verfalls befand, da nur noch die mittleren Bogen zusammenhielten. Die Hügel auf dem gegenüberliegenden Ufer waren mit niederem Buschwerk besetzt, aus dem die liebliche Iris stylosa ihre blauen Staubgefäße erhob. Zur weiteren Belebung der Szenerie trug ferner ein ununterbrochener Zug weißgekleideter Nosairijjeh bei, die der Brücke zustrebten. In meiner Gesellschaft befand sich 'Abd ul Medjid, ein kurdischer Zaptieh, der das Gebirge und all seine Bewohner gut kannte. Obgleich Mohammedaner, hegte er keinen Groll gegen die Nosairijjeh, die ihm immer als harmlose Leute erschienen waren, und ein jeder grüßte ihn freundlich im Vorübergehen. Er erzählte mir auch, daß die weiße Gesellschaft sich zu den Beerdigungsfeierlichkeiten eines großen, seiner Frömmigkeit wegen wohlbekannten Scheichs begab, der vor einer Woche gestorben war. Das Fest selbst wird gewöhnlich zwei Tage nach der Beerdigung abgehalten, und wenn die Gäste gespeist haben, bringt jeder nach seinen Kräften der Familie des Toten seinen Tribut dar, der zwischen einem und fünf, ja sechs Piaster schwankt. Im Djebel Nosairijjeh im Geruch der Heiligkeit zu stehen, ist gleichwertig mit einer Lebensversicherung bei uns zu Lande.
Arabische Bauern.
Dank dem großen Umwege erreichten wir Sāfita erst um 4 Uhr. Ich lehnte die Gastfreundschaft des Kommandanten ab und schlug meine Zelte außerhalb des Dorfes an einem Waldrande auf. Das innere Festungsgebäude, welches wir von ferne gesehen hatten, ist alles, was von der Weißen Burg der Tempelherren übriggeblieben ist. Es steht auf dem Gipfel des Hügels, um dessen Fuß sich das Dörflein gruppiert, und von dem aus man das Mittelmeer und den nördlichen Teil der phönizischen Küste erblickt. Unter den mir zum Verkauf angebotenen Antiquitäten bemerkte ich eine phönizische Münze und die kleine Bronzestatue eines phönizischen Gottes — wahrscheinlich war Sāfita für jenes Handelsvolk ein Stützpunkt im Binnenlande. Die Feste selbst war eine geschickte architektonische Überraschung. Sie enthielt nicht, wie zu erwarten stand, eine gewölbte Halle oder ein Refektorium, sondern eine große Kirche, die also sozusagen das Herz der Festung ausmachte. Als wir eintraten, wurde gerade ein Gottesdienst abgehalten; durch die Westtüren ergoß sich die Abendröte und hüllte die in Anbetung auf ihren Knieen liegende Gemeinde in purpurne Glut. Die meisten Bewohner von Sāfita sind Christen und sprechen Englisch mit dem ausgesprochen amerikanischen Akzent, den sie sich angeeignet haben, während sie in den Vereinigten Staaten ihr kleines Vermögen erwarben. Außer dem Akzent aber hatten sie auch eine mir nicht angenehme Vertraulichkeit in der Redeweise mitgebracht und ein Teil der ihnen angeborenen guten Manieren verloren. 'Abd ul Medjid, der fesche Unteroffizier, begleitete mich durch die Stadt, rettete mich aus den Klauen der amerikanisierten Christen, zwirbelte seinen kühnen, militärischen Schnurrbart gegen die kleinen Jungen, die uns nachlaufen wollten, und schickte hinter ihrem Rückzug Proben aus dem elegantesten Schimpfwörterschatz her, den mein Ohr je den Vorzug hatte zu hören.