Spät am Abend wurden zwei Besucher angekündigt. Es war der Zābit (Kommandant) und ein andrer Beamter, durch die der Kāimakām von Drekisch mich bewillkommnen und in sein Dorf einladen ließ. Wir drei ritten in der Frühe des nächsten Morgens mit einigen Soldaten hinter uns auf einem gewundenen Pfad durch die Berge und gelangten nach zwei Stunden in ein Tal voller Olivenhaine, an dessen Hängen das Dorf Drekisch lag. Bei der ersten Olivengruppe fanden wir drei Biedermänner in langem Rock und Tarbusch unser harrend; bei unsrer Annäherung bestiegen sie ihre Pferde und schlossen sich dem Zuge an, der, während wir die Dorfstraße hinaufritten, durch andere Honoratioren zu Pferde immer mehr anschwoll, bis wir schließlich die Gesamtsumme von 13 erreicht hatten. Der Kāimakām erwartete uns in Gala und allen Zeremoniells voll an der Tür seines Hauses und geleitete mich in sein Besuchszimmer, wo wir Kaffee tranken. Die Gesellschaft bestand nun aus 30 Personen von Rang und Ansehen. Nach dem offiziellen Empfang brachte mich mein Wirt in seine Privatwohnung und stellte mich seiner Frau, einer liebenswürdigen Damaszenerin, vor. Während der nun folgenden kurzen Unterhaltung lernte ich ihn genauer kennen. Riza Beg el 'Abid verdankt seine gegenwärtige Stellung dem Umstand, daß er ein Vetter 'Isset Paschas ist, denn es gibt in der Familie dieses großen Mannes kein Glied, das nicht wenigstens Kāimakām ist. Aber Riza Beg hätte die soziale Leiter auch ohne Unterstützung erklimmen können; er ist ein Mann von außergewöhnlich gewinnendem Wesen und verfügt in reichem Maße über den scharfen Verstand der Syrer. Das Geschlecht, zu dem er und 'Isset gehören, ist arabischen Ursprungs. Die Glieder der Familie leiten ihre Abstammung von dem edlen Stamm der Muwāli her, die Harūn er Raschid verwandt sind, und wenn du 'Isset Pascha begegnest, so wirst du wohl tun, ihn zu seiner Verwandtschaft mit jenem Kalifen zu beglückwünschen, obgleich er weiß, (auch weiß, daß du es weißt), daß die Muwāli seinen Anspruch mit Verachtung zurückweisen und ihn unter die Abkömmlinge ihrer Sklaven zählen, worauf auch sein Name 'Abid (Sklave) hinweist. Gleichviel, ob Sklaven oder Freie — die Söhne des Hauses 'Abid sind so geschickt emporgestiegen, daß sie der Türkei den Fuß auf den Nacken gesetzt haben und in dieser gewagten Stellung auch verbleiben werden, bis 'Isset die Gunst des Sultans verliert. Riza Beg machte ein ernstes Gesicht, als ich auf seine hohen Verbindungen anspielte, und bemerkte, daß die Machtstellung, deren er sich als Glied seiner Familie erfreute, keine leichte Sache sei, und daß er mit Freuden ein weniger hervorragendes Amt als das eines Kāimakāms ausfüllen würde. Vielleicht würde auch der Pascha die Freuden Konstantinopels nur allzugern gegen einen bescheideneren aber sicheren Wirkungskreis austauschen — eine Vermutung, der ich um so lieber Glauben schenke, als 'Isset, wenn das Gerücht wahr spricht, in den Jahren, da er sich der höchsten Gunst erfreute, aus seiner Stellung so viel Nutzen gezogen hat, wie er nur irgend erwarten konnte. Ich versicherte dem Kāimakām, daß ich mir ein Vergnügen daraus machen würde, dem Pascha bei meinem demnächstigen Aufenthalt in Konstantinopel einen Besuch abzustatten, und ich führte dieses Projekt auch mit so gutem Erfolg aus, daß ich nach 'Issets eigner Aussage mich künftighin zu den Personen rechnen muß, die seiner lebenslänglichen Freundschaft versichert sein können.
Inzwischen war das Frühstück fertig geworden. Nachdem sich die Hausfrau zurückgezogen, fanden die übrigen Gäste Einlaß. Es waren vier an der Zahl: der Zābit, der Kadi und zwei andere. Wir hielten ein reichliches, vortreffliches und unterhaltendes Mahl. Es wurde von munterem Gespräch belebt, das der Kāimakām anregte und aufrechterhielt, der jedes Thema mit der gewandten Leichtigkeit eines Mannes von Welt behandelte. Während er sprach, kam mir immer wieder von neuem zum Bewußtsein, was für eine schöne, elegante Sprache das Syrisch-Arabisch im Munde des Gebildeten ist. Bei meinem Abschied eröffnete mir der Kāimakām, daß ich noch während der ganzen folgenden Nacht sein Gast sein würde. Er hatte nämlich, wie er sagte, von meiner Absicht erfahren, mein Lager am verfallnen Tempel von Husn es Suleimān aufzuschlagen, und meine Karawane unter dem Schutze eines Zaptiehs bereits dahin gesandt. Einer seiner Vettern, der für meine Bedürfnisse Sorge tragen sollte, war mit Dienern und Vorräten ebenfalls schon vorausgegangen. Der Zābit und Rā'ib Effendi el Helu, ein andrer Teilnehmer an der Frühstücksgesellschaft, sollten mich begleiten. Hoffentlich war das alles zu meiner Zufriedenheit. Ich dankte dem Kāimakām herzlich für seine Güte und versicherte, ihn schon an seiner großmütigen Gastfreundschaft als Araber von edler Geburt erkannt zu haben.
Unser Pfad führte uns bis zur Höhe des Nosairischen Gebirges, wo wir, auf dem Kamme hinreitend, eine felsige, romantische Wegspur verfolgten. Die Abhänge waren außerordentlich steil und zeigten außer Gras und Blumen keinen Pflanzenwuchs. Nur hier und da waren die höchsten Gipfel von einer Eichengruppe gekrönt, durch deren kahles Gezweig die weiße Kuppel einer nosairischen Mazār leuchtete. Die Nosairijjeh haben weder Kirchen noch Moscheen, aber auf jedem Berggipfel errichten sie eine Kapelle, das Zeichen einer Begräbnisstätte. Diese hochgebetteten Toten haben zwar die Erdenwelt verlassen, fahren aber noch fort, sie mit ihren Segnungen zu beglücken, denn sie sind die Beschützer der Bäume, deren Wurzeln ihre Gebeine umschlingen, und die deshalb als die einzigen ihrer Art ungehindert wachsen dürfen.
Tempel von Husn es Suleimān.
Husn es Suleimān liegt hoch oben in den Bergen am Anfang eines Tales. Ein klarer Quell rieselt unter dem Gestein hervor und umspült eine natürliche, mit grünem Moos bewachsene Plattform, auf der wir unsre Zelte errichteten. Amphitheatralisch steigen die Berge hinter dem Tempel hinan, vor ihm senkt sich das Tal abwärts, und die Götter, denen er geweiht war, können sich in ungestörter Einsamkeit der in Trümmer gesunkenen Lieblichkeit ihres Heiligtums erfreuen. Die Mauern sind mit Efeu übersponnen, und Veilchen sprossen in den Ritzen. Vier Tore führen in den Hof, in dessen Mitte sich die Ruinen des Tempels befinden, während etwas südlich von der Cella noch das Mauerwerk eines Altars sichtbar ist, der in schönen griechischen Lettern eine Widmung trägt. Sie berichtet, daß der Centurio Decimus, aus der Legion des Flavian, nebst zwei Söhnen und einer Tochter dem Gott von Baitokaikē einen erzenen Altar stiftete und auf einem Steinsockel errichtete. Das geschah im Jahre 444 der seleucidischen Zeitrechnung. Dieses Datum entspricht unserm Jahre 132 nach Christus. Es ist bedauerlich, daß Decimus sich nicht bewogen fühlte, auch den Namen des Gottes hinzuzufügen; derselbe bleibt in allen Inschriften unerwähnt. Der Nordeingang besteht aus einem dreiteiligen Tor und liegt einer zweiten rechteckigen Umfriedigung gegenüber, in deren südöstlichen Winkel ein kleiner Tempel steht, während aus der Nordmauer eine kuppelförmige Überdachung hervorragt. Letztere schützte vielleicht die Statue des unbekannten Gottes, denn es führen Stufen hinauf, und Säulenstümpfe umstehen den Platz. Wie in Ba'albek, so heiligten die Christen auch diese Stelle durch das Erbauen einer Kirche, die in der zweiten Umfriedigung und zwar rechtwinkelig zu dem Heiligtum an der Nordwand lag. Die äußeren Mauern beider Höfe sind außerordentlich massiv, sind doch die Steine nicht selten 6–8 Fuß dick. Obgleich der Schmuck viel strenger, herber ist als in Ba'albek, so erinnern doch gewisse Details so lebhaft an das letztere, daß ich mich der Vermutung nicht entschlagen kann, es müsse ein und derselbe Architekt gewesen sein, der in die untere Seite der Architrave zu Baitokaikē die Adler und Cherubine einmeißelte, mit denen er bereits die Architrave des Jupitertempels geschmückt hatte. Nach der Behauptung der Bauern befinden sich unter beiden Tempeln und Höfen tiefe Gewölbe. Sicherlich ist die Ruine sorgfältige Ausgrabungen wert, wenn auch keine weitere Entdeckung die Schönheit des großartigen Heiligtums in den Bergen steigern kann.
Nordtor, Tempel von Husn es Suleimān.
Der Kāimakām hatte sein Wort gehalten. Es waren uns Scharen von Schafen und Hühnern zum Opfer gefallen, und nachdem ich und meine Freunde gespeist hatten, taten sich auch die Soldaten und Maultiertreiber gütlich. Lustig flackerten die Lagerfeuer in der klaren, reinen Gebirgsluft, die Sterne glitzerten am Himmel, über die Steine plätscherte der Bach; alles übrige lag in Schweigen, denn Kurt war nicht mehr. Irgendwo in den Bergen war er uns davongelaufen und nicht wiedergekommen. Ich betrauerte seinen Verlust, konnte aber in Zukunft um so friedlicher schlafen.