Stadttor, Masjād.
Alle meine Freunde sowie auch die Soldaten begleiteten uns am nächsten Tage bis an die Grenze der Provinz Drekisch und verließen uns hier, nachdem sie noch einen widerwilligen Nosairijjeh in seinem Hause zu 'Ain es Schems aufgejagt und ihm befohlen hatten, dem mich begleitenden Zaptieh bei der Auffindung des außerordentlich felsigen Pfades nach Masjād behilflich zu sein. Nach seinem Weggang rief ich Michaïl, um seine Meinung über unsre Bewirtung am gestrigen Tage zu hören. Er gab den arabischen Ersatz für ein Grunzen von sich und sagte:
»Zweifellos denken Ew. Exzellenz, daß Sie der Gast des Kāimakām waren. Ich will Ihnen sagen, wessen Gast Sie gewesen sind. Sie haben die nosairischen Bauern gesehen, das elende Volk, das Ihnen an der Ruine Antiquitäten verkaufte. Das waren Ihre Wirte. Alles ist von ihnen ohne Bezahlung genommen worden. Sie haben das Holz für die Lagerfeuer gesammelt, die Hühner und Eier gehörten ihnen, die Schafe entstammen ihren Herden, und als Sie sagten ‚Ich habe genug!’ und sich weigerten, mehr zu nehmen, ergriffen die Soldaten noch ein Schaf und behielten es für sich. Und das einzige Entgelt, was die Bauern bekamen, waren die Metalliks, die Sie Ihnen für ihre alten Münzen gaben. Aber wenn Sie mir folgen wollen,« fügte Michaïl höchst inkonsequenterweise hinzu, »sollen Sie durch ganz Anatolien reisen, ohne den vierten Teil eines Medjideh aus Ihrer Börse nehmen zu müssen. Sie werden von Kāimakām zu Kāimakām ziehen und überall Gastfreundschaft finden — den Leuten ist es nicht um Bezahlung zu tun, sie wünschen nur, daß Ew. Exzellenz ein gutes Wort für sie einlegen, wenn Sie nach Konstantinopel kommen. Sie werden in ihren Häusern schlafen und an ihrem Tisch essen, wie es war, als ich mit Sacks reiste ....«
Aber wenn ich alles erzählen wollte, was sich ereignete, während Michaïl mit Mark Sykes reiste, würde ich nie nach Masjād kommen.
Kapitäl zu Masjād.
Der Tag war bemerkenswert um der außerordentlichen Unzugänglichkeit der Wege und der Schönheit der Blumen willen. Auf den Berggipfeln wuchsen gelbe, weiße, purpurrote Krokus, alpine Cyclamen und ganze Flächen weißer Primeln; weiter unten blühten Iris, Narzissen, schwarze, grüne, rote Orchideen, und im Myrtengebüsch die blauen gefüllten Anemonen. Am Fuße des steilsten Abfalls angelangt, entließ ich den unglücklichen Nosairijjeh mit einem Trinkgeld, das jedenfalls viel mehr war, als er aus einem Abenteuer zu gewinnen gehofft, das mit einem Polizeibefehl begonnen. Um 3 Uhr erreichten wir Masjād und schlugen unsre Zelte am Fuße der Burg auf.
Aber Masjād war eine Enttäuschung. Wohl weist der Ort eine große Burg auf, aber sie ist, soviel ich beurteilen konnte, arabischen Ursprungs, ebenso wie die Stadtmauern arabische Arbeit sind. Da eine alte Römerstraße von Hamāh durch die Stadt geht, sollten sich darin auch Spuren römischer Niederlassung vorfinden, aber ich sah keine. Ich hörte nur von einer Burg in Abu Kbēsch auf dem Kamm des Gebirges, da sie aber nach dem Ausspruch der Leute gerade wie Masjād, nur kleiner war, ging ich nicht hinauf. Die Burg von Masjād hat eine äußere Mauer und innere Befestigungswerke, zu denen man, ähnlich wie in Kal'at el Husn, durch einen überwölbten Gang gelangt. Die alte Festung ist fast gänzlich zerstört und nun durch flüchtig hingebaute Hallen und Säulen ersetzt worden, die die Ismailiten vor einigen hundert Jahren, als sie im Besitz des Ortes waren, errichteten. So wenigstens erzählte mir ein alter Mann, der Emir Mustafa Milhēm, der jener Sekte angehörte und mir als Führer diente. Er behauptete auch, daß seine Familie die Festung 7–8 Jahrhunderte lang bewohnt habe. Vielleicht log er damit, wenn es auch auf Wahrheit beruht, daß sie den Ismailiten so lange gehört hat. In die äußeren Tore sind eine Anzahl Säulen und Kapitäle eingebaut, die von byzantinischen Bauten herrühren müssen. Es finden sich auch auf der Innenseite des zweiten Tores einige alte arabische Inschriften vor, die den Namen der Erbauer dieses Festungsteiles berichten, aber sie sind sehr verwittert. Später sagte man mir auch, ich hätte einen Ort, namens Deir es Sleb, besuchen müssen, wo zwei Kirchen und ein kleines Kastell zu sehen sind. Er ist auf der Karte nicht eingezeichnet und lag schon weit hinter uns, als ich davon erfuhr. Als ich am nächsten Tag nach Hamāh reiste, sah ich Reste des Rasīf, der alten Römerstraße. 4½ Meilen von Masjād entfernt, liegt an der Brücke über den Fluß Sarut ein eigentümlicher Erdwall, an dessen Vorderseite eine hohe Mauer aus ungeheuren Steinblöcken bis zur Spitze hinaufläuft. Michaïl fand unten am Fuße eine römische Münze in den Furchen des Felsens. Von der Brücke an stand uns noch eine 2½stündige langweilige Reise bevor, die uns durch die Gegenwart eines alten Türken, eines Telegraphenbeamten, sehr verschönt wurde, der sich an der Brücke zu uns gesellte und mir im Weiterreisen seine Geschichte erzählte.