Kapitäl in Masjād.

»Effendim, meine Familie wohnt in der Nähe von Sofia. Effendim, kennen Sie den Ort? Mascha'llah, es ist ein schönes Land! In meiner Heimat sind die Berge mit Bäumen, Obstbäumen und Tannen bewachsen, und die Ebenen sind Rosengärten. Effendim, viele von uns sind nach dem Krieg mit den Moskowitern hierhergezogen, weil wir unter keiner anderen als des Sultans Hand leben wollten. Aber viele sind bald wieder zurückgekehrt. Warum Effendim? Sie mochten nicht in einem Lande ohne Bäume wohnen; sie konnten es nicht ertragen, bei Gott!«

So plaudernd, erreichten wir Hamāh.


Na'oura, Hamāh.

Zehntes Kapitel.

Man sieht Hamāh nicht eher, bis man tatsächlich darauf ist — darauf ist das einzige Wort, das die Stellung des Ankommenden richtig bezeichnet. Der Orontes fließt hier in einem tiefen Bett, und die Stadt liegt zwischen den Uferhöhen versteckt. Eine weite eintönige Ebene voller Kornfelder breitet sich ohne Unterbrechung vor dem Auge aus, bis man plötzlich ein wahres Gewirr von Begräbnisstätten erreicht, — wir kamen gerade an dem allwöchentlich wiederkehrenden Allerseelentag an, und alle Kirchhöfe waren ebenso gedrängt voll von Lebenden wie von Toten. Plötzlich hörte die Ebene zu unsern Füßen auf, und wir standen am Rande einer steilen Böschung. Wir überblickten die ganze Stadt, den Orontes im Schmuck der mächtigen persischen Räder und jenseits derselben den kegelförmigen Erdwall, der die Festungen Hamath und Epiphania und wer weiß, was sonst noch trägt, denn er ist einer der ältesten festen Plätze der Welt. Bei unserem Kommen erhoben sich zwei Soldaten vom Erdboden und schickten sich an, mir einen Lagerplatz anzuweisen, aber ich war müde und gereizt, wie das manchmal auf Reisen vorkommt, und alle die kahlen, von Häusern umschlossenen Plätze, an die wir geführt wurden, kamen mir ganz abscheulich vor. Endlich erklärte mein guter Türke, der mich noch nicht verlassen hatte, ein Fleckchen zu kennen, das mir gefallen würde; er führte uns am Rande der Böschung entlang bis zum Nordende der Stadt an eine grasbewachsene Stelle, die den schönsten Lagerplatz bot, den ich mir wünschen konnte. Unter uns verließ der Orontes, zwischen Gärten voll blühender Aprikosenbäume dahingleitend, die Stadt, goldener Abendschein lag hinter den Minarets, und eine große Na'oura entlockte den Fluten ein harmonisches Lied.

Hamāh ist gegenwärtig die Endstation der französischen Eisenbahn[8], und der Sitz eines Muteserrif. Die Eisenbahn versah mich mit einem Führer und Gesellschafter in der Person eines syrischen Stationsvorstehers, eines aufgeblasenen, unfertigen, kleinen Mannes, der in einer Missionsschule erzogen worden war und es verschmähte, Arabisch zu reden, sobald er Französisch radebrechen konnte. Er tat mir zu wissen, daß sein Name Monsieur Kbēs und sein Steckenpferd Archäologie sei, und um seinen Standpunkt auf der Höhe modernen Wissens zu dokumentieren, schrieb er jeden historischen Überrest in Hamāh den Hittitern zu, mochte es nun ein byzantinisches Kapitäl oder eine durchbrochene arabische Verzierung sein. Zwischen dem Muteserrif und mir entstand sofort eine kleine Meinungsverschiedenheit, da er darauf bestand, mein Lager während der Nacht durch acht Soldaten bewachen zu lassen. Welch widersinnige Menge, wenn man bedenkt, daß bisher in jedem Dorfe zwei genügt hatten. Eine so zahlreiche Wachmannschaft bedeutete für mich eine unerträgliche Plage, denn sie hätten sich die ganze Nacht unterhalten und das Lager um die Ruhe gebracht. Ich schickte also sechs wieder weg trotz ihrer Beteuerung, daß sie den Befehlen ihrer Vorgesetzten zu gehorchen hätten. Sie brachten schließlich die Befehle des Muteserrif mit den meinen in Einklang, indem sie die Nacht in einer nahen Moschee zubrachten, wo sie sich, durch kein Gefühl der Verantwortung gestört, eines vortrefflichen Schlafes erfreuen konnten.