[8] Es wird höchstens noch ein oder zwei Monate die Endstation sein, da die Linie bis Aleppo weitergeführt worden ist.
Keine Stadt in Syrien kann sich einer gleich malerischen Lage rühmen wie Hamāh. Der breite Fluß mit seinen Wasserrädern verleiht einen nie versagenden Reiz, die schwarz und weiß gestreiften Türme der Moscheen sind von prächtiger architektonischer Wirkung, die engen, zum Teil überwölbten Straßen bieten in ihrem Wechsel von Sonnenschein und Schatten unvergleichliche Lichteffekte, und die Bazare sind noch nicht durch die eisernen Dächer entstellt, die die Verkaufsstraßen von Damaskus und Homs so sehr ihres charakteristischen Gepräges beraubt haben. Die große Moschee im Mittelpunkte der Stadt war einst eine byzantinische Kirche. Noch heute zeichnen sich die Türen und Fenster des ehemaligen Gebäudes deutlich in den Mauern der Moschee ab; der untere Teil des westlichen Minarets bildete augenscheinlich die Grundmauern eines früheren Turmes; im Hofe liegen zahlreiche byzantinische Säulenschäfte und Kapitäle, und die schöne kleine Kubbeh wird von acht korinthischen Säulen getragen. Auf einer der letzteren bemerkte ich das byzantinische Motiv des wehenden Akanthus. Die Steinschneider aber schienen es müde geworden zu sein, die Blätter in stereotyper Einförmigkeit aufrecht zu stellen, und haben sie statt dessen leicht um das Kapitäl gelegt, als ob ein Wirbelwind über sie hinweggefahren wäre. Diese neue Anordnung wirkt außerordentlich anmutig und pikant.
Kbēs und ich erkletterten den Burgberg und fanden oben ein ungeheuer großes Ruinenfeld, aber alle behauenen Steine der ehemaligen Festungen sind fortgeschafft und zum Bau der Stadt verwendet worden. Meinem Eindrucke nach steht der Festungskegel nicht von Natur so isoliert da, sondern er ist entstanden, indem man durch einen Einschnitt ein in das Tal vorspringendes Vorgebirge von dem Hauptbergzug abgetrennt hat. Wenn es an dem ist, so haben wir ein ungeheures Werk der Vergangenheit vor uns, denn der Durchstich ist sehr breit und tief.
Kubbeh in der Moschee zu Hamāh.
Das Interessanteste dieses Tages in Hamāh waren die Bewohner. Vier machtvolle mohammedanische Geschlechter bilden die Aristokratie der Stadt. Es sind dies die Familien 'Azam Zadēh, Teifūr, Killani und Barāzi. Ein Glied der letzteren hatte ich bereits in Damaskus kennen gelernt. Das Gesamteinkommen jeder dieser Familien beläuft sich vielleicht auf 6000 Pfund Sterling im Jahre und entstammt dem Besitz an Dörfern und Ländereien, denn es wird in Hamāh nur wenig Handel getrieben. Als die ottomanische Regierung noch nicht so fest begründet stand wie jetzt, waren diese vier Familien die Herren von Hamāh und seiner Umgegend, und noch jetzt haben sie beträchtlichen Einfluß auf die Verwaltung der Stadt. Die Beamten des Sultans lassen sie fast immer ihre eigenen Wege gehen, die nicht selten ungesetzmäßige sind. So hört man von den 'Azam Zadēh oft eine alte, böse Geschichte erzählen, die, soviel ich erfahren konnte, auch von der Familie nicht in Abrede gestellt wird. In alten Zeiten lebte ein 'Azam, der, wie weiland König Ahab, nach seines Nachbars Weinberg trachtete, den sein Eigentümer nicht verkaufen wollte. Da schmiedete der große Mann einen Plan. Er ließ einen seiner Sklaven töten, in Stücke schneiden und nicht zu tief in eine Ecke des umstrittenen Besitztums einscharren. Nach einer angemessenen Zeit sandte er seinem Nachbar folgende Botschaft: »Du hast mich oft eingeladen, mit Dir in Deinem Garten Kaffee zu trinken. Ich werde kommen, halte alles bereit!« Der Mann freute sich der Herablassung und richtete ein Fest zu. Der festgesetzte Tag erschien, und mit ihm Fürst 'Azam. Das Mahl sollte in einer Laube eingenommen werden, der Gast aber gab vor, der gewählte Platz sage ihm nicht zu, und führte seinen Wirt gerade an die Stelle, wo der Sklave begraben lag. Der Hausherr erhob Einspruch, da es ein unschöner Winkel in der Nähe des Abraumhaufens war, 'Azam aber behauptete, daß es ihm hier gefiele, und das Fest nahm seinen Anfang. Plötzlich erhob der Gast den Kopf mit der Bemerkung: »Hier herrscht ein eigner Geruch!« »Gnädigster Herr,« entgegnete der Wirt, »er kommt von dem Abraumhaufen.« Der andere aber behauptete: »Nein, das ist etwas anderes!« rief seinen Diener und ließ an der Stelle, wo er saß, die Erde aufgraben. Man fand den gevierteilten Körper des Sklaven und erkannte ihn. Der Eigentümer des Gartens wurde unter Anklage des Mordes verhaftet und gebunden und mußte all seine Güter als Buße hergeben.
Wie Kbēs sagte, wurden auch jetzt noch solch gewaltsame Mittel voll Ungerechtigkeit angewendet. Erst ganz kürzlich waren aus einem 'Abd ul Kādir el 'Azam gehörigen Laden in dem gerade unter meinen Zelten liegenden Stadtviertel Zwiebeln gestohlen worden.
Tekyah Killānijjeh, Hamāh.
Da kamen 'Abd ul Kādirs Diener zu dem Bezirksscheich und verlangten von ihm das Eigentum ihres Herrn zurück; da er nichts von der Angelegenheit wußte und ihnen den Dieb nicht bezeichnen konnte, ergriffen sie ihn und seinen Sohn, wobei letzterer durch eine Kugel an der Hand verwundet wurde, schleppten sie an das Flußufer, entkleideten sie, schlugen sie fast zu Tode und überließen es dann ihnen selbst, sich wieder nach Hause zu finden. Der Vorfall wurde in ganz Hamāh bekannt, die Regierung tat aber keine Schritte zur Bestrafung 'Abd ul Kādirs. Ich stattete auch dem Hause Chālid Beg 'Azams einen Besuch ab, welches das prächtigste der ganzen Stadt und ebenso schön wie das berühmte Azamhaus in Damaskus ist. Chālid zeigte mir alle Räume. Jeder Zoll war mit einer endlosen Mannigfaltigkeit arabischer Muster in Stuck, Holzschnitzerei oder Mosaik bedeckt. Die Zimmer öffneten sich alle auf einen Hof, der von einem Säulengang in bester arabischer Arbeit umgeben war. Ein Springbrunnen plätscherte in der Mitte, Töpfe blühender Ranunkeln und Narzissen schmückten die Ecken. Die Frauen des Hauses Azam genießen einen noch größeren Ruf als die prächtigen Räume, die ihnen zur Wohnung dienen: sie gelten für die schönsten in ganz Hamāh.