Auch die Killānis besuchte ich in ihrem reizenden Heim am Orontes, der Tekyah Killānijjeh. Es enthält ein Mausoleum, in dem drei ihrer Vorfahren begraben liegen, und Räume, die auf den Fluß hinausblicken, und die von dem lieblichen Rauschen eines persischen Mühlrades erfüllt sind. Von hier aus ging ich zu dem Muteserrif, einem alten, fast bis zur Erde gekrümmten Manne, der keiner anderen als der türkischen Sprache mächtig ist. Es war mir eine große Erleichterung, zu finden, daß er mir wegen meines ungebührlichen Betragens der Wache gegenüber nicht zürnte. Auf unsrer Heimkehr zum Frühstück begegneten wir einem weißgekleideten Afghanen, mit Namen Derwisch Effendi. Er hielt den Stationsvorsteher an, um sich nach mir zu erkundigen; nachdem er erfahren, daß ich Engländerin sei, näherte er sich mir mit lächelndem Gruß und sagte auf Persisch: »Die Engländer und die Afghanen sind gute Freunde.« Er war tatsächlich mindestens ebenso gut wie das britische Volk — wenn nicht noch besser — über die Besuche und Höflichkeitsformeln unterrichtet, die zwischen Kabul und Kalkutta ausgetauscht worden sind. Und die Moral von diesem Zwischenfall (sie kam in einem langen, ermüdenden, aber höchst herzlichen Besuche Derwisch Effendis ans Licht) ist, daß alles, was im entferntesten Winkel Asiens geschieht, fast unmittelbar danach schon an den entgegengesetzten Enden bekannt ist. Ohne sich der Übertreibung schuldig zu machen, kann man behaupten, daß der englische Tourist in den Straßen von Damaskus vor Spott nicht sicher ist, sobald ein englisches Heer an den Grenzen von Afghanistan geschlagen worden ist. Islam heißt das Band, das die westlichen und zentralen Teile des asiatischen Kontinents verbindet und wie ein elektrischer Strom die Übertragung der Gefühle vermittelt, und die Stärke dieses Bandes wird noch durch die Tatsache vergrößert, daß wenig oder gar kein auf ein bestimmtes Landgebiet beschränktes Nationalbewußtsein ihm entgegenwirkt. Kein Perser oder Türke würde in dem Sinne »mein Vaterland« sagen oder auch nur denken, wie z. B. der Deutsche oder Engländer; sein Patriotismus beschränkt sich auf die Stadt, wo er geboren ist, oder höchstens auf den Distrikt, zu dem sie gehört. Fragst du ihn, welcher Nationalität er angehört, so wird er antworten: »Ich stamme aus Ispahan«, oder »Ich stamme aus Konia«, je nachdem, und der Syrer gibt dir den Bescheid, daß Damaskus oder Aleppo seine Heimat ist. Ich habe bereits erklärt, daß Syrien lediglich ein geographischer Begriff ist, dem kein nationales Bewußtsein in der Brust seiner Bewohner entspricht. Wer dem Gespräch in den Bazars lauscht oder dem Ladeninhaber, dessen Geschäft in enger Beziehung zu den lokalen Verhältnissen solcher Distrikte steht, die sehr weit von seinem Ladentisch liegen, oder auch den Maultiertreibern, die so unendlich mehr als ihre Lasten von Stadt zu Stadt tragen, dem wird Asien durch die engsten Bande der Verwandtschaft verknüpft erscheinen, und er wird fühlen, daß jedes Detail der auswärtigen Politik Europas, berühre sie nun China oder einen beliebigen Ort, mehr oder minder genau vor dem Schiedsgericht der öffentlichen Meinung erwogen wird. Es ist nicht Sache der Reisenden, die Gerüchte hören, ihre Schlüsse zu ziehen. Wir können nichts tun, als dem Wißbegierigen das zu wiederholen, was denen, die sich um unser Lagerfeuer scharen oder mit uns Steppen und Bergland durchziehen, vom Munde fließt, denn ihre Worte sind in der Strömung der arabischen Politik wie Strohhalme, die uns anzeigen, nach welcher Richtung die Wellen fluten. Die Erfahrung hat sie mit dem Inventar und dem Wortschatz der hohen Staatskunst bekannt gemacht. Sie sind vertraut mit den Begriffen von Krieg und Unterhandlung, von Vertrag und langgehegter und sorgfältig verborgener Rache. Ob sie nun den Ausgang einer Blutfehde oder die Folgen internationaler Eifersucht besprechen, meist ist ihr Urteil richtig, fast immer treffen sie mit ihren Vermutungen ins Schwarze.

Meiner Erfahrung nach scheint der englische Name hier momentan schwerer ins Gewicht zu fallen, als noch vor kurzem. Zwischen jetzt und vor fünf Jahren, wo gerade der Burenkrieg in seinem unglücklichsten Stadium stand, bemerkte ich einen gewaltigen Unterschied in der allgemeinen Haltung uns gegenüber. Dieser Stimmungswechsel hat, soviel ich den Gesprächen, deren Zeuge ich war, entnehmen konnte, seinen Grund weniger in unserem Siege in Südafrika, als vielmehr in Lord Cromers trefflicher Verwaltung Ägyptens, sowie in Lord Curzons Politik am persischen Golf und in unserm Bündnis mit den siegreichen Japanern.

Als ich endlich von der Gegenwart des Afghanen wieder befreit war und allein auf dem Grassaum saß, der mein Zelt von der Hunderte von Fuß unter mir liegenden Stadt trennte, fuhr eine Person von Bedeutsamkeit vor, um mir ihre Achtung zu erweisen. Es war der Mufti Mohammed Effendi. In seiner Begleitung befand sich ein kluger Mann aus Bosra el Harīr im Haurān, der Cypern bereist hatte und viel (wenn auch nicht gerade Gutes) über unsre Regierungsverwaltung dort zu sagen wußte. Der Mufti war ein Mann vom selben Typus wie der Kādi von Homs und der Scheich Nakschibendi, der scharfsichtige Asiate, dessen vornehme Gesichtszüge einigermaßen durch eine gewisse Schlauheit, die sich bis zur Verschlagenheit steigert, beeinträchtigt werden. Er ließ sich auf meinen besten Zeltstuhl nieder und bemerkte mit Genugtuung:

»Ich fragte: ‚Spricht sie Arabisch?’ und beorderte, als mir ‚Ja’ zur Antwort gegeben wurde, schnell meinen Wagen und kam.«

Kapitäl aus der Moschee Hamāh.

Die Unterhaltung drehte sich um Jemen, wohin er vor einigen Jahren gesandt worden war, um den Frieden nach dem letzten arabischen Aufstand wiederherzustellen. Er erzählte von seiner dreitägigen Reise durch die hinter der Küste liegenden dürren Wüsten, von den bewaldeten Gebirgen im Innern des Landes, wo es Winter und Sommer regnet, von den riesigen Trauben in den Weinbergen und der Mannigfaltigkeit der Früchte in den Obstgärten, von den Städten, die an Größe Damaskus gleichkamen und die durch gewaltige, tausendjährige Erdbefestigungen geschützt sind. Die Araber, sagte er, sind Städtebewohner, nicht Nomaden und verabscheuen die ottomanische Regierung so, wie sie nur an wenig Orten verabscheut wird. Wenn die Heere des Sultans gegen sie anrücken, pflegen sie in die Gebirge zu fliehen, wo sie sich, nach der Meinung des Mufti, eine unbeschränkte Zahl von Jahren halten können. Darin aber hat er unrecht: wenige Monate schon brachten den türkischen Truppen, dank ihrer kühnen Führerschaft und ihrer langen Ausdauer bei Wüstenmärschen, den Sieg: der Aufstand schlug fehl wie so viele andere, weil die arabischen Stämme einander noch grimmiger hassen als die Osmanen. Aber wie alle unterdrückten Empörungen in der Türkei, so ist auch diese letztere schon wieder aufgelodert. Vom Mufti hörte ich auch, daß man in Hamāh allerorten unter dem Flußbett auf altes Mauerwerk stößt.

Ihm folgte mein Freund, der türkische Telegraphenbeamte, der sich über mein schönes Lager freute, und diesem der Muteserrif, der ängstlichen unsicheren Ganges vom Wagen durch meine Zelttaue schritt. Er lieh mir seine Equipage, damit ich die auf dem östlichen Ufer des Orontes liegenden Stadtteile besichtigen konnte, und so fuhren Kbēs und ich mit zwei Vorreitern davon, die ganz außergewöhnlicherweise nicht mit Lumpen bedeckt waren. Das Ostviertel, Hādir genannt, ist vornehmlich das Beduinenviertel, das städtische Arabisch ist hier von dem rauhen Wüstendialekt verdrängt worden, und die Bazare sind mit Arabern gefüllt, die Kaffee, Tabak und gestreifte Gewänder einhandeln. Dieser Stadtteil birgt eine schöne, kleine, verfallne Moschee, die nach den gewundenen Säulen ihrer Fenster El Hayyāt, Schlangenmoschee, genannt ist, und die seldschukischen Ursprungs sein soll. Am Nordende des Hofes befindet sich ein Raum mit dem Marmorsarkophag des berühmten Geographen Abu'l Fīda, Prinzen von Hamāh. Er starb im Jahre 1331; sein Grab trägt eine schöne Inschrift, die das Datum nach der Zeitrechnung der Hedschra wiedergibt.

Für den Abend hatte ich den Stationsvorsteher, den syrischen Arzt Sallum und den griechischen Priester zum Diner eingeladen. Wir unterhielten uns bis spät, eine zwar ungleichartige aber doch übereinstimmende Gesellschaft. Sallum hatte die amerikanische Universität in Beirut absolviert, von wo alle die großen und kleinen praktizierenden Ärzte kommen, die über Syrien verstreut sind. Er war Christ, freilich von ganz andrer Anschauung wie der Priester, und Kbēs repräsentierte eine dritte Art Glaubenslehre. Im ganzen herrschte, wie der Priester konstatierte, wenig direkt christenfeindliche Gesinnung in Hamāh, freilich auch nicht viel Achtung vor seinem Gewand; hatten doch am selben Tage, während seines Ganges durch die Stadt, ein paar mohammedanische Frauen Steine vom Dach auf ihn herabgeworfen und dazu geschrieen: »Hund von einem Christenpriester!« Kbēs erörterte die Vorteile der neuen Eisenbahn (meiner Meinung nach ein sehr schlechtgeleitetes Unternehmen) und behauptete, daß Hamāh zweifellos Nutzen daraus gezogen hätte. Die Preise waren in den letzten zwei Jahren in die Höhe gegangen, das Fleisch, das so wenig Absatz gefunden hatte, wurde nach Beirut und Damaskus hinabgesandt. Er selbst hatte zu Beginn seines Aufenthaltes zu Hamāh für ein Schaf einen Frank gegeben, jetzt mußte er zehn bezahlen.

Der Muteserrif von Hamāh versah mich mit dem besten Zaptieh, den ich während all meiner Reisen gehabt habe. Hadj Mahmūd war ein großer, breitschulteriger Mann; er hatte zu des Sultans Leibwache in Konstantinopel gehört und die große Wallfahrt dreimal mitgemacht, einmal als Pilger, die beiden anderen Male als Soldat in der Eskorte. Zehn Tage lang ritt er mit mir und hat mir in dieser Zeit in der schönen, blumenreichen Sprache, deren er Meister war, mehr Geschichten erzählt, als ein ganzer Band fassen kann. Da er bereits mit einem deutschen Archäologen gereist war, kannte er die seltsame Vorliebe der Europäer für Ruinen und Inschriften. Bezüglich des deutschen Gelehrten erzählte er einst: