»In Kal'at el Mudīk sprach ich zu ihm: ‚Wenn Sie gern einen Stein sehen möchten, auf dem ein Roß mit seinem Reiter eingeschrieben ist, beim Lichte Gottes! ich kann Ihnen einen solchen zeigen.’ Er hat sich sehr darüber gewundert und hat mich mit Geld belohnt. Bei Gott und Mohammed, dem Propheten Gottes! Ihre Augen sollen den Stein auch schauen, meine Dame!«
Ein Kapitäl, Hamāh.
Diese Entdeckung Mahmūds war viel merkwürdiger, als man auf den ersten Blick denken sollte, denn unser Suchen nach Altertümern wird am meisten dadurch erschwert, daß die Eingeborenen, besonders in den entlegeneren Gegenden, eine Skulptur nicht als solche erkennen, wenn sie sie sehen. Es ist vielleicht nicht so besonders verwunderlich, daß sie den Unterschied zwischen einer Inschrift und den natürlichen Sprüngen oder den Spuren der Verwitterung auf einem Stein nicht herausfinden, aber man erschrickt förmlich, wenn man auf die Frage, ob Steine mit Menschen- oder Tierfiguren in der Nähe sind, zur Antwort erhält: »Wāllah, wir wissen nicht, wie eine Menschenfigur aussieht!« Und zeigst du den Leuten ein Stück Relief mit deutlichen Gestalten darauf, so behaupten sie nicht selten, keine Ahnung zu haben, was das Bildwerk darstellen soll.
Mahmūds merkwürdigster Reisegefährte war ein Japaner gewesen, den, wie ich später erfuhr, seine Regierung ausgesandt hatte, um die Bauweise in den östlichen Teilen des alten römischen Reiches zu studieren und darüber zu berichten — für derartige Forschungen also fanden die Japaner selbst in ihren Kriegsnöten Muße. Der kleine Mann, dessen Landsleute den gefürchteten Russen den Sieg entrissen, hatte Mahmūds Neugier augenscheinlich in hohem Grade erregt.
»Den ganzen Tag lang ritt er, und nachts schrieb er in seine Bücher. Er aß nichts als ein Stück Brot und trank Tee dazu, und wenn er einmal etwas verneinen wollte, so sagte er (er konnte weder Arabisch noch Türkisch): ‚Noh! Noh!’ Und das ist Französisch,« schloß Mahmūd.
Mein Einwand, daß das nicht Französisch, sondern Englisch sei, gab ihm Stoff zum Nachdenken; nach einer Weile fügte er hinzu:
»Vor dem Krieg hatten wir den Namen der Japaner noch nicht gehört, aber beim Angesicht der Wahrheit! die Engländer kannten sie.«
Zwischen Hamāh und Kal'at el Seidjar beschreibt der Orontes einen Halbkreis; wir folgten der Sehne des Bogens und durchritten dieselbe schwach angebaute Fläche, die ich bereits auf meinem Wege von Masjād gekreuzt hatte. Sie war mit Dörfern aus bienenkorbähnlichen Erdhütten bestreut, wie man sie auf dem ganzen Wege nach Aleppo in der Ebene findet, sonst aber nirgends; sie ähneln höchstens den Dörfern die man auf den Abbildungen zentralafrikanischer Reisebeschreibungen sieht. Sobald ein Bauer reicher wird, baut er an seine Wohnung einen neuen Bienenkorb an, und noch einen und noch einen, bis ein Dutzend und mehr seinen Hof umstehen. In einigen wohnt er und seine Familie, andre bergen das Vieh, einer ist seine Küche, ein andrer die Scheune. In der Ferne sahen wir das Dorf 'Al Herdeh liegen, das, wie Mahmūd sagte, von Christen bewohnt war, die früher alle dem griechischen Bekenntnis angehörten. Die Einwohner lebten friedlich und erfreuten sich guten Wohlstandes, bis sie das Unglück hatten, von einem Missionar entdeckt zu werden, der Traktate verteilte und gegen 60 Personen zur englischen Kirche bekehrte. Seither war es aus mit dem Frieden; keinen Augenblick hatte der Streit in 'Al Herdeh aufgehört. Im Weiterreiten erzählte Mahmūd allerlei von den Ismailiten und den Nosairijjeh. Von den ersteren wußte er zu berichten, daß sich in jedem Hause eine Photographie des Agha Chān befindet, aber daß es die Frau ist, der sie Verehrung zollen. Jedes am 27. Radschab geborne Kind weiblichen Geschlechts wird abgesondert und für eine Fleischwerdung dieser Gottheit gehalten. Das Mädchen heißt Rōzah. Sie arbeitet nicht, ihre Haare und Nägel werden nie verschnitten, auch ihre Familie zollt ihr die Achtung, die ihr gebührt, und jeder Mann aus dem Dorfe trägt in den Falten seines Turbans ein Stück ihres Kleides oder ein Haar von ihrem Körper. Sie darf nicht heiraten.
»Aber,« warf ich ein, »wenn sie nun heiraten möchte?«