»Das ist unmöglich,« erwiderte er, »niemand würde sie mögen, denn welcher Mann könnte wohl Gott heiraten?«

Man weiß, daß die Sekte im Besitz heiliger Bücher ist, aber bisher ist noch keins in die Hände europäischer Gelehrter gefallen. Mahmūd hatte eins gesehen und gelesen — es sang den Preis der Rōzah und beschrieb sie in lauten Lobeserhebungen bis ins einzelste. Die Ismailiten[9] lesen auch den Koran. Mahmūd erzählte noch manche andere Dinge, die ich, wie Herodot, zum Wiedererzählen nicht für geeignet halte. Ihr Glaubensbekenntnis scheint sich aus einer dunklen Erinnerung an den Astartedienst herzuleiten, oder aus jenem ältesten und allgemeinsten Kultus, der Verehrung einer mütterlichen Gottheit; der Vorwurf der Unanständigkeit aber, der ihrer Religion gemacht wird, ist, wie ich glaube, unbegründet.

[9] In der heimischen Sprache ist der Plural von Ismaili Samawīleh. Ich weiß nicht, ob das die Schriftform ist, jedenfalls habe ich sie überall gehört.

Von den Nosairijjeh wußte Mahmūd viel zu sagen, denn er war in ihren Bergen wohl bekannt. Hatte er doch viele Jahre lang unter den Anhängern dieser Sekte die Kopfsteuer einsammeln müssen. Sie sind Ungläubige, behauptete er, die weder den Koran lesen noch Gottes Namen kennen. Er erzählte eine wunderbare Geschichte, die ich hier wiedergeben will, wenn sie auch nicht viel wert ist.

»O meine Dame, es war einst im Winter, als ich die Steuern erhob. Nun feiern die Nosairijjeh im Monat Kānūn el Awwal (Dezember) ein Fest, das in dieselbe Zeit fällt wie das Christenfest (Weihnachten), und als ich am Tage vorher mit zwei anderen durch das Gebirge ritt, fiel so viel Schnee, daß wir nicht vorwärts konnten, und im nächsten Dorfe, und zwar im Hause des Dorfscheichs, Zuflucht suchen mußten. Denn es gibt überall einen Dorfscheich, meine Dame, und einen Glaubensscheich, und die Leute werden in Eingeweihte und Uneingeweihte eingeteilt. Aber die Frauen wissen nichts von den religiösen Geheimnissen, denn bei Gott! eine Frau kann kein Geheimnis bewahren. Der Scheich empfing uns gastfrei und gewährte uns Quartier; aber als wir am andern Morgen erwachten, da war im ganzen Hause kein Mann, nichts als Frauensleute. Und ich rief aus: ‚Bei Gott und Mohammed, dem Propheten Gottes! Was ist das für eine Gastfreundschaft? Ist kein Mann da, den Kaffee zu kochen, sondern nur Frauen?’ Und sie erwiderten: ‚Wir wissen nicht, was die Männer machen, sie sind alle in das Haus des Glaubensscheichs gegangen, und wir dürfen nicht hinein.’ Da erhob ich mich, schlich zu dem Hause und spähte durchs Fenster. Bei Gott! Die Eingeweihten saßen im Zimmer, im Kreis um den Glaubensscheich, der vor sich eine Schale mit Wein und einen leeren Krug hatte. Und er stellte leisen Tones Fragen an den Krug, und — bei dem Lichte der Wahrheit! — ich hörte, wie der Krug mit einer Stimme Antwort gab, die da sagte: Bl... bl... Das war ohne Zweifel Zauberei, meine Dame! Und während ich noch hineinschaute, erhob einer den Kopf und sah mich. Da kamen sie aus dem Haus gelaufen, packten mich und würden mich geschlagen haben, hätte ich nicht gerufen: ‚O Scheich, ich bin dein Gast!’ Schnell trat der Glaubensscheich dazu und erhob seine Hand, und augenblicklich ließen mich alle los, die Hand an mich gelegt hatten. Er aber fiel mir zu Füßen, küßte meine Hände sowie den Saum meines Gewandes und sagte: ‚O Hadji, wenn du versprichst, nicht weiter zu sagen, was du gesehen hast, will ich dir zehn Medschides geben!’ Und bei Gottes Propheten (Friede sei mit ihm), ich habe nichts davon erzählt, bis auf den heutigen Tag!«

Kal'at es Seidjar.

Ein vierstündiger Ritt brachte uns nach Kal'at es Seidjar. Die Burg steht auf einem langgezogenen Bergrücken, der durch einen künstlichen Einschnitt in der Mitte unterbrochen ist und steil nach dem Orontes hin abfällt. Letzterer läuft hier in einem schmalen Bett zwischen Felswänden dahin. Die Burgmauern, die die Anhöhe zwischen dem Flusse und dem Einschnitt krönen, bieten von unten gesehen einen prächtigen Anblick. Am Fuße des Hügels liegt ein kleines Dorf aus Bienenkorbhütten. Der Unmenge behauener Steine nach zu urteilen, die auf dem grasigen Nordabhang verstreut liegen, muß sich früher hier die seleucidische Stadt Larissa befunden haben. Ich errichtete meine Zelte am äußersten Ende der Brücke in einem Aprikosenhain, der in weißem Blütenschnee stand und von dem Summen der Bienen erfüllt war. Anemonen und scharlachrote Ranunkeln bedeckten den Grasboden. Das Kastell ist Eigentum des Scheich Ahmed Seidjari, in dessen Familie es sich bereits seit drei Jahrhunderten befindet. Er und seine Söhne bewohnen einige kleine, moderne, aus alten Steinen erbaute Häuser inmitten der Festungswerke. Ihm gehört auch ein ziemlich großer Grundbesitz sowie ungefähr ein Drittel des Dorfes, in das Übrige teilen sich die Killānis von Hamāh und die Smātijjeh-Araber zu ungleichen Teilen. Die letzteren sind ein halbnomadischer Stamm und bewohnen im Winter feste Häuser. Mustafa Barāzi hatte mir einen Empfehlungsbrief an Scheich Ahmed mitgegeben, und obgleich Mahmūd der Meinung war, daß ich ihn infolge eines langwierigen Streites zwischen den Seidjari und den Smātijjeh kaum in der Burg finden würde, kletterten wir doch zu dem Tore hinauf. Wir gingen dann einen Weg entlang, der wie der Aufgang zu Kal'at el Husn Spuren einer Überwölbung zeigte, und gelangten über Berge von Ruinen an die moderne Niederlassung, die der Scheich bewohnt. Auf meine Frage nach seinem Hause wies man mich nach einem großen Holztor, das abschreckend fest verschlossen war. Ich klopfte und wartete, Mahmūd klopfte lauter, und wir warteten abermals. Endlich öffnete eine sehr schöne Frau einen Laden über uns in der Mauer und fragte nach unserm Begehr. Ich berichtete, daß ich einen Brief von Mustafa an Ahmed hätte und verlangte, ihn zu sehen. Sie erwiderte:

»Er ist nicht da.«

Ich sagte: »Kann ich seinen Sohn begrüßen?«