[10] Die Linie ist jetzt bis Aleppo fertiggestellt.

Die Burg, Aleppo.

Mein Aufenthalt war zwar von kurzer Dauer, aber nicht ohne neue Bekanntschaften; die wichtigste war der Vāli. Kiāzim Pascha ist ganz andrer Art als der Vāli von Damaskus. In demselben Maße wie der letztere sich, seiner Begabung entsprechend, als wirklicher Staatsmann zeigt, ist Kiāzim ein bloßer Farceur. Er empfing mich in seinem Harem, wofür ich ihm dankbar war, denn ich sah seine Frau, eine der schönsten Frauen, die man sehen kann. Sie ist schlank und doch voll, der dunkle Kopf sitzt auf prächtigen Schultern, die Nase ist klein und gerade, das Kinn spitz, und ihre Brauen wölben sich über Augen, die wie dunkle Gewässer schimmern. Konnte ich doch den Blick nicht von ihrem Gesicht wenden, während sie bei uns saß. Sie und ihr Gatte sind Zirkassier, weshalb ich auf meiner Hut war, ehe der Vāli den Mund öffnete. Sie sprachen beide Französisch, er sogar sehr gut. Nachdem er mich in seiner ungenierten Weise willkommen geheißen, bemerkte er:

»Ich bin der junge Pascha, der Frieden zwischen den Kirchen gestiftet hat.« Nun war mir bekannt, daß er zu einer Zeit Muteserrif zu Jerusalem gewesen, als die Eifersüchteleien zwischen den christlichen Parteien zu außergewöhnlich heftigem Blutvergießen geführt hatten, und daß es zu einer Art von erzwungenem Vertrag gekommen war — ob infolge seines Scharfsinnes oder der Dringlichkeit des Falles, wußte ich jedoch nicht.

»Für wie alt halten Sie mich?« fragte der Pascha.

Mein Taktgefühl gab mir ein, ihn auf 35 zu schätzen.

»36!« erklärte er triumphierend. »Aber die Konsuln hörten auf mich! Mon Dieu! ein bessrer Posten als dieser hier, wenn ich auch nun Vāli bin. Hier kann man keine Konferenz mit Konsuln abhalten, und einem Manne wie mir ist der Umgang mit gebildeten Europäern Bedürfnis.«

(Ein weiterer Grund zu Mißtrauen: ein orientalischer Beamter, welcher erklärt, den Verkehr mit Europäern vorzuziehen!)