Zwölftes Kapitel.

Während meines zweitägigen Aufenthaltes in Aleppo wurde jeder Moment meiner Muße benutzt, um Maultiertreiber auszuwechseln, eine zwar störende, aber durchaus unerläßliche Beschäftigung. In Antiochien hörte die Arabisch sprechende Bevölkerung auf. Habīb und sein Vater konnten kein Wort Türkisch, Michaïl nur einige Namen, wie Ei, Milch und Piaster, und mir, die ich kaum weiter vorgeschritten war, widerstrebte es, mit einem Gefolge in Gegenden einzudringen, wo wir höchstens nach den dringendsten Bedürfnissen oder nach dem nächsten Wege fragen konnten. Man hatte mir viel von den großen Fähigkeiten der nordsyrischen Maultiertreiber erzählt; der Titel Maultiertreiber ist allen Ernstes eine Namensirrung, denn das Lasttier ist in diesen Strichen nur ein armseliger Klepper (kadīsch sagt man auf Arabisch); von Alexandretta bis Konia sahen wir wohl überhaupt kein Maultier, ganz sicher aber keine Karawane. Man hatte mir gesagt, daß ich bis zur Reorganisation meiner Begleitung auf Behaglichkeit, Pünktlichkeit und Ordnung würde verzichten müssen, nie ohne Verdruß und das Gefühl der Verantwortlichkeit sein würde, und daß ich ja, wenn ich wünschte, meine Karawane in Konia auflösen könnte. Für die Männer aus Aleppo würde sich schon eine Ladung zum Heimweg finden. So verabschiedete ich mich von meinen Beirutern — und vom Frieden.

Von nun an ging die Reise unter einem Erpressungssystem vor sich. Der Erpresser war ein zahnloser alter Lump, Fāris mit Namen, der mit seinem Bruder eine beträchtliche Zahl Lasttiere in Aleppo besaß. Dank seiner Zahnlosigkeit war sein Arabisch und Türkisch in gleicher Weise unverständlich. Er versah mich mit vier Lastpferden und ritt selbst auf einem fünften zu seiner eignen Bequemlichkeit und auf eigne Kosten, machte aber doch den vergeblichen Versuch, mich dafür zahlen zu lassen, als wir Konia erreichten. So mietete er auch um einen Hungerlohn zwei Burschen zur sämtlichen Arbeit im Lager und auf dem Marsche, und ließ sie fast verhungern. Die Ärmsten gingen barfuß (die vermögenden Leute aus dem Libanon hatten sich mit Eseln versehen), denn obgleich Fāris sich verbindlich gemacht hatte, ihnen Schuhe zu liefern, weigerte er sich, bis ich endlich mit der Drohung einschritt, ihm das Geld für die Schuhe an seinem Lohne abzuziehen und sie selbst zu kaufen. Ich mußte mich sogar um den Proviant bekümmern und darauf achten, daß die Burschen genug zu essen bekamen, um arbeitsfähig zu bleiben, aber trotz aller Mühe liefen die gemieteten Leute auf jeder Station davon, und mir lag die Sorge ob, andre ausfindig zu machen und, was noch schlimmer war, das neue Paar in seine Pflichten einzuweihen — wo die Zeltpflöcke zu befestigen waren, wie die Lasten verteilt werden mußten, und noch hundert kleine, aber immerhin wichtige Dinge mehr. Dann galt es, Fāris anzuspornen, der sich mit stets wachsenden Entschuldigungen von seiner Arbeit zu drücken suchte, und hätte ich nicht früh und spät das Füttern der Pferde überwacht, sie wären sicher mit ebenso knapper Not dem Hungertode entgangen, wie die gemieteten Burschen. Als wir endlich in Konia angelangt waren, mußte ich erfahren, daß Fāris die letzten seiner Sklaven auf die Straße gesetzt und sich ganz entschieden geweigert hatte, sie bis in ihre Heimat Adana mitzunehmen, weil er — so hatte er sich hinter meinem Rücken geäußert — »billigere Leute bekommen könnte«. Da es mir widerstrebte, zwei Leute, die bei aller Dummheit ihr Bestes getan hatten, um mir zu dienen, im Stich zu lassen, mußte ich sie unterstützen, damit sie ihr Heim wieder erreichten. Kurz und gut: ich möchte behaupten, daß niemand, der die Maultiertreiber Aleppos und ihr abscheuliches System empfiehlt, je eine wohlorganisierte und gut geleitete Karawane besessen haben kann, wo die Arbeit mit der Regelmäßigkeit des Big Ben getan wird, und die Männer heitere Mienen und willige Hände zeigen. Sie können auch keine Erfahrung in wirklich geschäftsmäßigem Reisen haben, denn das läßt sich nur mit Dienern ermöglichen, die Mut in Gefahren und Unternehmungslust offenbaren, und die sich zu helfen wissen. Ich gebe zu, daß ich nur geringe Erfahrung besitze und — im Vertrauen sei es gesagt — sie wird auch nicht zunehmen, denn eher würde ich Maultiertreiber aus Bagdad mitbringen, als Fāris und seinesgleichen ein zweites Mal mieten.

Gerade als die Schwierigkeiten der Reise sich mehrten, versagten Michaïls Tugenden. Die zwei Tage, wo er auf die Gesundheit seiner davonziehenden Kameraden trank, mit denen er — wie sich's den Gliedern einer guten Karawane geziemt — sich vortrefflich gestanden, genügten, um den Segen seiner zweimonatigen Nüchternheit wieder zu vernichten. Von den Tagen an bauchte die Arrakflasche seine Satteltaschen aus, und wenn auch auf Arrakflaschen in Satteltaschen gefahndet und sie am Gestein zerschmettert werden können, so vermochte doch keinerlei Wachsamkeit, Michaïl den Weinläden fernzuhalten, sobald wir in eine Stadt kamen. Das Mißgeschick gibt uns manche Lehre, mit gemischten Gefühlen blicke ich auf die vier ungemütlichen Wochen zurück, die zwischen unsrer Abreise von Aleppo und der Zeit lagen, wo die Vorsehung mir einen anderen und besseren Mann bescherte, und ich mein Herz verhärtete und Michaïl entließ, aber ich bedaure das Lehrgeld nicht, welches ich zahlen mußte.

Von Hadji Mahmūd, dessen Vertrag in Aleppo zu Ende war, verabschiedete ich mich nur ungern. Der Vāli versah mich mit einem Zaptieh, dem Kurden Hadji Nadjīb, der, obwohl von unvorteilhaftem Äußeren, sich doch als ein gefälliger und auch nützlicher Mann erwies, denn er war mit den Gegenden, die wir durchreisten, und auch mit den Bewohnern wohlbekannt. Unser Aufbruch verzögerte sich: Michaïl war voll Arrak, und die Maultiertreiber ungeschickt im Aufladen. Der Tag (wir hatten den 30. März) war wolkenlos, und zum erstenmal machte sich die Sonne unangenehm fühlbar. Schon als wir um 10 Uhr auszogen, brannte sie glühendheiß, und den ganzen Tag lang winkte auf dem ganzen öden Weg keine Spur von Schatten. Nachdem wir etwa eine Meile auf der Straße von Alexandretta geritten und an einem von etlichen Bäumen umstandenen Kaffeehaus vorübergekommen waren, schlugen wir zur Linken einen Pfad ein, der in kahles, felsiges Hügelland führte und selbst bald ebenso felsig wurde. Wir hielten uns östlich mit einer Neigung nach Norden zu. ½12 hielten wir inne, um zu frühstücken, und warteten eine volle Stunde auf unser Gepäck, was mir Zeit gab, Vergleiche zwischen der Marschschnelligkeit meiner alten und der neuen Dienerschaft anzustellen und der Sonnenglut innezuwerden, die während des Reitens weniger fühlbar gewesen. Als wir nach einem weiteren halbstündigen Ritt auf eine Hütte, Jakit 'Ades, stießen, schlug Nadjīb vor, da zu lagern, aber ich fand es noch zu früh, und nachdem wir Fāris genaue Weisungen über den Pfad, den er verfolgen, und den Ort, wo wir lagern würden, erteilt hatten, machte ich mich mit dem Zaptieh auf den Weg, und gemächlich weitertrabend, waren wir bald außer Sehweite der übrigen.

Auf der Sohle eines kahlen, gewundenen Tales dahinziehend, kamen wir an mehreren Stellen vorbei, die zwar auf der Karte eingezeichnet, in Wirklichkeit aber nichts als winzig kleine Trümmerhaufen waren. Gegen 4 Uhr erstiegen wir den Nordabhang des Tales und erreichten einen Weiler, der Kiepert unbekannt war, und den mir Nadjīb als das Dorf Kbeschīn bezeichnete. Hier fanden wir inmitten einiger alter Mauern und vieler moderner Schutthaufen ein kurdisches Lager, eine jener Frühlingsniederlassungen, wie sie nomadische Völkerschaften mit ihren Herden zur Zeit des jungen Grases zu beziehen pflegen. Die Zeltwände, wenn der Name Zelt überhaupt anwendbar ist, bestanden aus rohen Steinen, die flüchtig zu einer Höhe von ca. fünf Fuß übereinandergesetzt waren, die Dächer aber bestanden aus Ziegenhaarstoff und wurden in der Mitte durch Zeltstangen gestützt. Bald drängten sich die kurdischen Hirten um uns und unterhielten sich mit Nadjīb in ihrer eignen Sprache, die mir vertraute Klänge aufwies, denn sie ähnelt der persischen. Sie sprachen auch Arabisch, ein seltsames Kauderwelsch voll türkischer Worte. Wir saßen eine Weile auf den Schutthaufen in Erwartung unsrer Lasttiere, bis mir endlich, trotz Nadjībs beruhigender Worte, klar wurde, daß die Sache einen Haken haben mußte, und wir wahrscheinlich in alle Ewigkeit hier warten konnten. Da kam der Kurdenscheich mit der Nachricht, daß es Essenszeit sei, und lud uns ein, an dem Mahle teilzunehmen. Der Vorschlag fand freudiges Entgegenkommen, denn es ist einer der Vorteile des Lebens im Freien bei schmaler Kost, daß es keinen Augenblick des Tages gibt, der uns nicht voll Eifer findet zu essen.

Kal'at Sim'ān.

Der Kurde erfreut sich in den Reiseberichten keines guten Namens. Er wird als mürrisch und streitsüchtig geschildert, ich für mein Teil aber habe an ihm fast alle die Eigenschaften gefunden, die angenehmen geselligen Verkehr ermöglichen. Wir wurden in das größte der Gebäude geleitet; es war hell und kühl, luftig und sauber, da seine Bauart ihm die Vorteile des Zeltes sowohl als auch des Hauses verlieh. Die Mahlzeit bestand aus Brot, saurem Quark und vorzüglichem Pillaf, in dem zerquetschter Weizen den Reis ersetzte. Wir saßen auf Teppichstücken um eine Matte herum, auf welcher die Gerichte aufgetragen waren. Die Frauen bedienten uns. Ehe wir fertig wurden, war es 6 Uhr, aber keine Karawane ließ sich blicken. Nadjīb war sehr betroffen, unsre Wirte zeigten große Anteilnahme und erklärten sich von Herzen gern bereit, uns über Nacht zu beherbergen. Unserm Zögern wurde durch einen kleinen Knaben ein Ende gemacht, der mit der Kunde hereingestürmt kam, daß bei dem Dorfe Fāfertīn, auf der entgegengesetzten Seite des Tales, eine Karawane gesehen worden war, die auf Kal'at Sim'ān, das nächste Ziel unsrer Reise, zusteuerte. Nun gab es keine Zeit zu verlieren; die Sonne war bereits untergegangen, lebhaft erinnerte ich mich der nächtlichen Wanderung bei El Bārah durch eine Gegend, die der jetzt vor uns liegenden nicht unähnlich war. Vor unserm Aufbruch aber nahm ich Nadjīb beiseite und fragte ihn, ob ich den Leuten wohl Geld für die uns gebotene Mahlzeit geben dürfte. Er versicherte, daß das keinesfalls angängig sei: die Kurden erwarteten keine Bezahlung von ihren Gästen. Ich konnte weiter nichts tun, als die Kinder um mich versammeln und eine Handvoll Metalliks unter sie verteilen, eine sehr wohlfeile Großmut, die auch das empfindlichste Gemüt nicht verletzen konnte. Dann machten wir uns auf den Weg. Nadjīb ritt so schnell auf dem steinigen Pfade voran, daß ich die größte Mühe hatte, Schritt mit ihm zu halten. Ich wußte, daß die große Kirche des St. Simon Stylites auf einem Hügel stand und von unserm Wege aus zu sehen sein mußte; freilich liegt die große Säule des Heiligen, um welche die Kirche erbaut wurde, schon seit Jahrhunderten in Trümmer gesunken. Nachdem wir eine Stunde vorwärts gestolpert waren, zeigte Nadjīb nach dem dämmerigen Gebirge, und ich konnte gerade noch eine undeutliche Masse unterscheiden, die wie eine die Kammlinie unterbrechende Festung aussah. Eine weitere halbe Stunde brachte uns an die Mauern. Es war ½8 Uhr und vollständig dunkel. Als wir durch die ungeheure Kirche ritten, merkten wir zu unsrer Erleichterung am Geläut der Karawanenglocken, daß unsre Zelte angekommen waren — wir hörten auch das Schreien und Fluchen Michaïls, der unter dem Einfluß verschiedener Dosen Arraks wie ein wildes Tier tobte und sich weigerte, den neuen Maultiertreibern Anweisungen bezüglich des Aufstellens meines englischen Zeltes zu geben. Als die einzige nüchterne Person, die da wußte, wie die Pfähle ineinandergepaßt, die Zapfen eingetrieben und die Möbel aufgestellt wurden, mußte ich beim Schimmer zweier Kerzen den größten Teil der Arbeit selbst verrichten und dann die Vorratskörbe nach Brot und Butter für die Maultiertreiber durchsuchen. Wurde doch mein Befehl, die übliche, aus Reis bestehende Abendmahlzeit zu bereiten, von meinem aufsässigen Koch mit höhnischem Geheul und mit Fluchen über alles und jedes beantwortet. Mit einem Betrunkenen ist nicht zu reden, ich hoffe aber, daß der Racheengel der Gefühle nicht Erwähnung getan hat, mit denen ich mich zum Schweigen zwang.