Kal'at Sim'ān.
Als endlich alles fertig war, ging ich hinaus in die milde Frühlingsnacht, durchschritt die stattlichen, so friedlich daliegenden Ruinen, unter deren Mauern wir unser Lager aufgeschlagen hatten, und befand mich plötzlich in einem kreisrunden, oben offnen Hofe, von dem aus sich die vier Flügel der Kirche nach den vier Himmelsgegenden erstrecken. Der Hof ist von einem unvergleichlich schönen Säulengang umgeben gewesen, von dem noch jetzt viele Bogen erhalten sind, und in der Mitte erhob sich in vergangenen Tagen die Säule, auf welcher St. Simon lebte und starb. Ich kletterte über die Steinhaufen bis zu dem die Basis bildenden Felsblock; es war ein mächtiger, schiefriger Stein mit einer Vertiefung in der Mitte, in der sich, wie in einer kleinen Schüssel, klares Regenwasser gesammelt hatte. Ich wusch mir Hände und Gesicht darin. Die Nacht war mondlos; eine verfallne Pracht, standen die Pfeiler und Bogen im tiefen Schatten da, still wie ein unbewegter See lag die Luft, alle Müdigkeit und aller Ärger fielen von der Seele ab, sie stand dem Himmel und dem Frühling offen. Ich saß und überdachte, welch einen Streich das Schicksal in diesen Stunden dem grimmigen Heiligen gespielt. Für diese eine Nacht hatte es seinen Thron der Bitternis einem Menschenkinde überlassen, dessen rosige Träume einer tiefen inneren Zufriedenheit entstammten, die er wohl als der erste verdammt haben würde. Bei solchem Sinnen nickte mir ein großer Stern zu, der über den in Trümmer stehenden Säulengang heraufgeklettert war, und wir beide kamen überein, daß es besser sei, über Himmel und Erde dahinzuwandern, als bis zum Ende der Tage auf einer Säule zu sitzen.
Kal'at Sim'ān, westliches Tor.
Die Glieder der amerikanischen Vermessungsgesellschaft haben die nördlichen Gebirge bis zur Kal'at Sim'ān aufs genaueste erforscht und in ihren Karten aufgezeichnet, aber weder sie noch andre Reisende haben einen Bericht des Hügellandes veröffentlicht, das sich von dem Heiligtum in nordöstlicher Richtung erstreckt.[11] Ich habe dasselbe bereist und beinahe alle verfallnen Dörfer besucht. Von den Bewohnern wird es beinahe allgemein Djebel Sim'ān genannt, und auch ich werde unter diesem Namen davon sprechen. Das Simongebirge mit dem Djebel Bārischa nach Südwesten und dem Djebel el 'Ala noch weiter nach Westen hin gehören demselben architektonischen System an, wie der Djebel Zawijjeh, durch den wir auf unserm Wege nach Aleppo gekommen waren. Man könnte wohl Unterschiede in dem Stile der nördlichen und dem der südlichen Gruppe herausfinden; dem amerikanischen Architekten Mr. Butler ist es dank seiner gründlichen Kenntnis der beiden Distrikte auch gelungen, für den flüchtigen Beobachter aber scheinen diese Verschiedenheiten hauptsächlich auf natürlichen Ursachen zu beruhen, sowie auf dem Umstand, daß der nördliche Distrikt mehr unter dem Einflusse Antiochiens stand, und diese Stadt war in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung die Hauptquelle aller künstlerischen Anregung, und zwar nicht für Syrien allein. Die Ansiedlungen im Djebel Sim'ān waren kleiner und die einzelnen Häuser weniger geräumig, wahrscheinlich weil das nördliche Gebirge viel zerklüfteter ist und unmöglich eine so große und reiche Bevölkerung ertragen konnte. Der Djebel Sim'ān scheint früher bebaut worden zu sein und den Gipfel des Wohlstandes etwas später erreicht zu haben, als der Süden des Landes, auch ist er nicht jener Periode des Verfalls unterworfen gewesen, der den Süden im letzten Jahrhundert vor der arabischen Besitzergreifung heimgesucht hat.[12] Die schönen Kirchen des Nordens entstammen dem 6. Jahrhundert und zeigen bezüglich des architektonischen Schmuckes einen fast genialen Luxus, den keine der spätesten südlichen Kirchen erreicht, die, mit Ausnahme der Bizzoskirche in Ruweihā, alle bereits ein Jahrhundert früher erbaut sind. Es ist interessant, daß die letztgenannte Kirche, die doch etwas jünger ist, als Kal'at Sim'ān, gleichwohl viel herber in ihren Einzelheiten ist, und daß im Norden selbst kleine Häuser nicht selten größere Mannigfaltigkeit und Kostbarkeit im Schmuck aufweisen, als im Süden üblich ist.[13] Da der Reisende beim Lesen der Inschriften an Kirchen und Wohngebäuden das Datum immer mehr nach der Antiochischen Zeitrechnung angegeben findet, wird er auf den sehr verzeihlichen Gedanken verfallen, daß es die prachtliebende Hand Antiochiens gewesen ist, die hier die Architrave und Kapitäle, die Simse und Friese geschaffen hat. Die Kirche des St. Simon ist nicht nur aus lokalen Beiträgen errichtet worden, sondern hier hat die ganze Christenheit dem berühmten Heiligen ihren Tribut dargebracht, und wahrscheinlich sind nicht heimische Arbeiter, sondern die Architekten und Steinschneider von Antiochien ihre Erbauer gewesen. Wenn es an dem ist, so muß man auch die anmutige Kirche von Kalb Lōzeh denselben Schöpferhänden zuschreiben, und ein Dutzend kleinere Bauten wie z. B. die Ostkirche in Bākirha verraten deutlich gleichen Einfluß.
[11] Seither habe ich erfahren, daß nach meiner Anwesenheit Mr. Butler und seine Reisegesellschaft ihre Forschungen auf das Land nördlich von Kal'at Sim'ān erstreckt haben, und ich warte mit Spannung auf eine ausführliche Beschreibung dieser Gegend in ihren künftigen Veröffentlichungen.
[12] Vermutlich hat dieser Verfall seine Ursache zum Teil in der ungeheuren Steuerlast, die Justinian während seiner Bemühungen, den Westen seines Landes zurückzuerobern, den Ostprovinzen auferlegte. Wer Diehls großes Werk über Justinian gelesen hat, weiß, wie sehr die soziale und politische Organisation seiner Provinzen unter dem Druck der Kriege in Italien und Nordafrika in Unordnung geriet. Die Ostländer hatten, als die reichsten, am meisten zu leiden.
[13] Es ist dies eine Beobachtung Mr. Butlers, »Architektur und andre Kunst.«