Kal'at Sim'ān, der kreisrunde Hof.
Ich verbrachte den Morgen damit, die Simonskirche und das am Fuße des Berges gelegene Dorf zu durchforschen. Letzteres weist einige sehr schöne Basiliken und die Ruinen einer großen Pilgerherberge auf. Beim Frühstück erschien ein Kurde auf der Bildfläche, der einen so klugen, vertrauenerweckenden Eindruck machte, daß ich mir ihn sofort für die nächsten Tage zum Führer erkor, denn die Gegend, die ich zu durchziehen beabsichtigte, war steinig, pfadlos und auf der Karte nur ein leerer Fleck. Mūsa war der Name meines neuen Freundes. Als wir am Nachmittag zusammen dahinritten, vertraute er meinem verschwiegenen Ohr, daß er seines Glaubens Jezīdi sei, eine Sekte, die die Mohammedaner Teufelanbeter nennen. Ich halte sie jedoch für ein gutmütiges, harmloses Volk. Sie sind im oberen Teile von Mesopotamien zu Hause, und von dort war Mūsas Familie auch ausgewandert. Wir sprachen von Glaubenslehren — freilich nur vorsichtig, denn unsre Bekanntschaft war noch jung — und Mūsa gestand ein, daß die Jezīdis die Sonne anbeten. »Ein sehr geeignetes Anbetungsobjekt,« entgegnete ich, und in der Absicht, ihm etwas Angenehmes zu sagen, fügte ich hinzu, daß die Ismailiten beides, Sonne und Mond, anbeten, aber siehe da, bei dem bloßen Gedanken an einen derartigen Götzendienst war Mūsa kaum imstande, seinen Abscheu zu verbergen. Das führte mich zu der stillen Betrachtung, ob die Welt wohl viel klüger geworden seit den Tagen, da St. Simon auf seiner Säule saß. Der Schluß, zu dem ich endlich gelangte, war nicht schmeichelhaft.
Kal'at Sim'ān, der kreisrunde Hof.
In den Dörfern am Fuße des Djebel Scheich Barakāt, des höchsten Gipfels südlich von Kal'at Sim'ān, setzte der Regen unsern Streifereien ein Ziel und trieb uns heim; gegen Abend aber klärte sich der Himmel wieder auf. An dem wunderbar schönen Westtor sitzend, beobachtete ich, wie die Berge allmählich kupferrot erstrahlten, die grauen Mauern der Ruine wie in Gold getaucht erschienen. Der sehr niedergeschlagene und reumütige Michaïl beglückte mich mit einem vortrefflichen Diner, trotzdem würde ich ihn davongejagt haben, wenn St. Simon mir nur zu einem andern Koch hätte verhelfen können. Ja, ich war halb geneigt, mir einen aus Aleppo kommen zu lassen, aber der Zweifel, ob ich durch eine Stellenvermittlung einen guten Diener bekommen würde, und eine gewisse Bequemlichkeit verhinderten mich an der Ausführung des Planes. Vor mir rechtfertigte ich mich mit der Hoffnung, daß Michaïls Reue von Dauer sein würde. Einen Monat lang lebten wir auf einem Vulkan mit gelegentlichen Ausbrüchen, bis wir schließlich in die Luft flogen. Aber genug dieser unerquicklichen Dinge.
Kal'at Sim'ān, Apsis.
Am nächsten Tage ging ich daran, den östlich und nordöstlich der Kirche gelegenen Dörfern des Djebel Sim'ān einen Besuch abzustatten. Ein einstündiger Ritt in rein östlicher Richtung brachte uns nach Burdjkeh, das den unverfälschten Charakter dieser Dörfer des äußersten Nordens trägt. So hat es den fast unvermeidlichen großen, viereckigen Turm. Alles Mauerwerk war massiv; oft waren die Steine nicht einmal zu richtigen Lagen geschichtet, und wenn schon, so zeigten diese Lagen ganz verschiedene Tiefen. Die Kirche hatte eine viereckige, über die Mauern des Schiffes hinausgebaute Apsis. Jedes Fenster krönte ein fortlaufender Fries, der sich in der Höhe der Brüstung von einem Fenster zum anderen hinüberzog und beim letzten in einer Spirale endete. Er machte den Eindruck eines Bandes, das um die Öffnungen geschlungen, und dessen Enden aufgerollt worden waren.
Kal'at Sim'ān, Westtor.