Hārim.
»Und wenn Sie das nächste Mal in den Djebel el 'Ala kommen,« sagte er, »müssen Sie Ihr Lager in Kalb Lōzeh aufschlagen und wenigstens einen Monat bleiben. Dann geben wir Ihnen alles, was Sie brauchen, und zeigen Ihnen alle Ruinen. Und nun gefalle es Gott, daß Sie in Frieden und Sicherheit ziehen und nächstes Jahr in Frieden und Gesundheit wiederkehren.«
»Gott schenke euch langes Leben,« sprach ich, »und gebe euch Frieden.«
So trennten wir uns, und in meinem Herzen fühlte ich wieder jene warme Zuneigung zu diesem Volk, die immer wieder aufs neue entfacht wird. Sie mögen grausam im Kriege sein — hier spricht überwältigendes Zeugnis gegen sie — manche erklären sie für treulos, andre haben sie habgierig gefunden; aber wenn ich einem Drusen begegne, so begrüße ich ihn als Freund und werde das so lange tun, bis ich den Beweis habe, daß mein Vertrauen übel angebracht ist.
Die Burg Hārim steht auf einem Bergkegel an der Mündung einer der wenigen Schluchten, die Zugang zum Djebel el 'Ala gewähren. Jenseits liegt die große Orontesebene, die in alten Zeiten die Kornkammer der Stadt Antiochien war. Da die letzten Regengüsse den sumpfigen See, von den Syrern El Barah genannt, in seiner ganzen Ausdehnung angefüllt hatten, stand der nördliche Teil der Ebene fast ganz unter Wasser. Wir wandten uns von Hārim südwärts und ritten am Fuße des Djebel el 'Ala entlang nach Salkīn. Dieser Ritt wird mir der außerordentlichen Schönheit der Landschaft wegen unvergeßlich bleiben. Nirgends weiter in Syrien habe ich solch üppige Fruchtbarkeit gefunden. Oliven- und Mandelhaine teilten sich mit Hafer und Gerste in die Fettigkeit des Bodens, undurchdringliches Gestrüpp von Ginster, Seidelbast und Brombeeren säumte den Weg, und jede sonnige Stelle war mit der blauen Iris stylosa übersät. Salkīn selbst lag in einem bewaldeten Tal inmitten eines wahren Olivenhaines, der sich mehrere Meilen weit, fast bis an den Orontes hin, erstreckte. Ehe wir die Stadt erreichten, stiegen wir auf einem freien Platz zwischen Olivengärten ab. Es war 5 Uhr, aber Fāris war noch nicht da; wir machten es uns deshalb unter den Bäumen gemütlich und warteten auf ihn. Unsre Ankunft verursachte einige Aufregung unter den Leuten, die, im Grase sitzend, den ruhigen Abend genossen; es dauerte nicht lange, so kam einer, augenscheinlich eine vornehme Persönlichkeit, in Begleitung eines Dieners auf mich zu und forderte mich auf, in seine Wohnung zu kommen und auszuruhen. Obgleich erst von mittleren Jahren, war er ein stattlicher Mann und hatte angenehme Züge. Ich nahm seine Einladung an, da ich neugierig war zu sehen, was Salkīn zu bieten hatte. Besonders in fremden Ländern muß man jede Gelegenheit ergreifen, seine Kenntnisse zu erweitern.
Ich merkte bald, daß ich in die Hände des reichsten Bewohners der Stadt gefallen war. Mohammed 'Ali Agha ist der Sohn Rustum Aghas, eines Zirkassiers von Geburt, der Diener in der großen zirkassischen Familie Kakhya Zādeh von Hamadān war — so lautet ihr arabischer Name, während die Perser sie Kat Khuda Zādeh nennen. Die Familie wanderte vor 200 Jahren nach Aleppo aus; durch die bei den Zirkassiern üblichen Unternehmungen wurde sie außerordentlich reich und ist nun eine der mächtigsten Familien in Aleppo. Ihre Diener teilten ihren Erfolg, und Rustum Agha legte als sorglicher Mann so viel Geld zurück, daß er sich in Salkīn, im Orontestale, nahe bei seines Herrn großem Grundbesitz, ein Stück Land kaufen konnte. Dazu begünstigte ihn das Glück so sehr, daß sein Sohn die Hand einer Tochter aus dem Hause der Kakhya erhielt. Ich erfuhr diese Einzelheiten nicht alle sofort und wunderte mich bei meinem Besuch in Mohammed 'Alis Harem über die Ehrerbietung, die er seiner Frau entgegenbrachte. Ich konnte mir nicht denken, warum die kleine Dame mit den scharfen Zügen und den hellen Augen, die ihm doch keinen Sohn geschenkt hatte, von ihrem Mann mit solcher Hochachtung angeredet wurde, denn ich wußte noch nicht, daß sie die Schwester Reschīd Agha Kakhya Zādehs war. Mohammeds einziges Kind, ein Mädchen von sechs Jahren, schien, obwohl sie einem so unnützen Geschlecht angehörte, doch des Vaters Augapfel zu sein. Während ich die vortrefflichen Oliven und die Kirschenmarmelade aß, die seine Mägde mir vorgesetzt hatten, sprach er weitläufig über des Kindes Erziehung und seine weitere Zukunft. Die Hausfrau ließ sich herab, den Kaffee mit ihren eignen Händen zu bereiten und den abgenutzten Filzhut zu bewundern, der, mit einem purpur- und silberfarbenen Tuch ausgeputzt, neben mir auf dem Diwan lag.
Salkīn.
»Oh, der schöne europäische Hut,« sprach sie, »warum legen Sie eine Verhüllung darüber, wo er doch so hübsch ist?«
Damit streifte sie das seidene Tuch und die Kamelshaarschnur ab, drückte ihn in seiner ganzen kahlen Schäbigkeit auf die schwarzen Locken ihrer Tochter und erklärte ihn für den schönsten Kopfputz der Welt.