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Im Fischerhaus zu Geestemünde hing ein schlichter Briefkasten an der Wand, unter dem Bilde eines Lloyddampfers und neben dem Sammelschifflein der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Es war nichts Besonderes daran und doch konnte ich ihn nicht ohne die sonderbarsten Gedanken putzen, denn in ihm steckten die Briefe für die Fahrensleute, für die Schiffer, für die Matrosen. Nach schweren Stürmen: wie füllte er sich dann mit Briefen der Frauen, der Mütter, der Bräute! Wie mancher Seemann trat an den Kasten, schloß ihn auf und blätterte den Haufen durch, blätterte auch wohl ein zweites Mal. Fand er einen Brief, wie glänzten dann seine Augen! Mit verhaltener Stimme, der die Freude anzuhören war, bestellte er einen Bittern und setzte sich mit dem Schatz in den Winkel, um zu lesen. Oder er lief spornstreichs nach der Geeste hinunter. Fand einer nichts, so schloß er leise den Briefkasten. Ein andrer schlug ihn knallend zu.
Nun stand Klaus Mewes mit seinem Jungen davor und blätterte die Briefe durch.
„Peter Jonas? De fohrt ne no de Wesser! ... Richard Grube? De Knecht is all lang afmunstert! ... Hein Fock? Hest all Heimweh no dien vergneugten Hein, Geeschen? ... Willem Mees?“ ... — er machte eine lange Pause, denn Willem Mewes war geblieben ... „Paul Külper? De liggt jo blangen uns; den Breef bring em man eben gau dol, Störtebeker!“ ... Der Junge war bereit, Briefträger zu spielen, und lief eilends nach der Geeste hinunter ... „Jan Saß? De is no de Ilw, den Breef harrst di sporn kunnt, Trino! ... Hinnik Loop? De kummt woll noch! ... Kassen Husteen, Hinnik Wrie, Hein Külln, Haanrich Kinau ... Seefischer Klaus Mewes, H. F. 125: dat bün ik sülben! August, geef mi mol en lütjen Angostura!“
Er verschloß den Kasten und setzte sich mit seinem Brief an den Tisch. Die Reihen waren stellenweise verkleckst, ein Zeichen, daß Gesa beim Schreiben geweint hatte.
Sie schrieb: warum sie denn immer nach der Weser segelten und nicht einmal nach Hause kämen? Sie komme sich vor wie eine Witfrau, so einsam und verlassen sei sie, und habe Tag und Nacht keine Ruhe ... Klaus Mewes fühlte, wie es ihm im Halse aufstieg, und bekam den Husten. „Dor is obern barg baschen Peper twüschen, August! Den mokst du woll sülben, wat?“ sagte er laut und hielt das Glas mißtrauisch gegen das Licht. Dann las er weiter ... Ob sie noch gesund wären, ob den Jungen gar nicht nach Haus verlange? Er möchte doch sofort antworten! Am Deich erzählten sie so viel von ihnen. Was es mit der Haverei gewesen wäre? Sie sagten, daß sie schon in London gewesen wären und immer mitten unter den Englischen fischten: das möchte er doch ja lassen, denn das wären böse Briten, die könnten einen totschlagen, hätte der alte Gerd Eitzen gesagt ... Hein Mücks Mutter sei bei ihr gewesen und habe gejammert, daß der Junge gar nichts von sich hören lasse: wenn er nur nicht über Bord gekommen sei, habe sie gemeint.
Dann kamen wieder Klagen über das lange Ausbleiben. Klaus Mewes wurde es weich ums Herz: er holte sich Black und Posensteel, das heißt Tinte und Feder, um Gesa einen langen Trostbrief zu schreiben. Als er aber die Feder eintunkte, wußte er wieder nicht die Worte zu finden und es wurde wieder einer der berühmten kurzen Briefe daraus, in denen eigentlich nur stand: „Liebe Frau, es grüßt dich dein Mann!“
Als er den Brief zugebackt und durch einen Schlag mit der Faust glattgemacht hatte, ging er aber doch mit dem Bewußtsein einer guten Tat nach dem Ewer zurück, mit den Mehltüten unter dem Arm, rief Störtebeker, der auf einem Eiswagen saß und an einem getrockneten Petermantje kaute, und setzte die Segel auf.
Hein Mück bekam zwischen Großsegel und Besan seinen Segen.
„Segg mol, Hein, schriffst du denn keeneenmol no Hus? Dien gode Moder weet gornix van di af: wat is dat egentlich?“