Als sie die Elbe erreicht hatten, wurde es noch kälter. Der fliegende Nebel wischte seine feuchten Hände an ihnen ab und ließ sie erschauern. Klaus Mewes saß in Gedanken auf der Ducht und hörte auf das Knarren des Riemens, als wenn es etwas zu bedeuten hätte. Eine Jolle, die kein Licht brennen hatte, ging mit ihrem hohen, dunkeln Segel wie ein Gespenst vorbei, dann stieg der Ewer groß und schwarz vor ihnen auf, daß Klaus Mewes erbebte, denn er meinte, ein fremdes Schiff vor sich zu haben.

Sie kletterten an Bord und weckten die Leute, die in den Kojen schliefen. Die Laterne wurde angesteckt; dann suchten sie Körbe und Hummerkasten her und packten die Fische aus dem Eis. Das Boot wurde klar gemacht, der Mast aufgesetzt und das Segel gehißt, sie verstauten die Körbe und Kasten zwischen den Duchten, dann versank der Ewer wieder in Nacht und Schweigen, Klaus Mewes und sein Junge aber segelten mit dem Boot nach dem Fahrwasser hinaus. Es war mittlerweile Flut geworden, sodaß sie trotz des schwachen Windes gute Fahrt machen konnten. Sie saßen beide auf der Achterducht und jeder hatte eine Hand auf dem Helmholz des Ruders liegen. Große, hohe, leere Kohlendampfer, die von oben kamen, mahlten an ihnen vorbei und zwangen das Boot, sich tief hinter ihnen zu verneigen. Die Schrauben hauten halb aus dem Wasser und wirbelten den Schaum hoch auf. Vor und hinter ihnen segelten viele Jalken und Jollen, Boote und Ewer, aber obgleich Klaus Mewes manches Fahrzeug erkannte, rief er doch keins an, denn ihm war zum Schweigen zumute.

Machte es der Herbst, der sich ankündigte, dachte er der Stürme, die ihm bevorstanden, oder kam es von dem Jungen her, der neben ihm saß? Er konnte es nicht deuten.

Als der Morgen graute, kamen sie zu St. Pauli an und legten Tamp, setzten ihre Fische in die Halle und warteten den Beginn der Versteigerung ab. Um sechs schallte die Glocke laut durch das Gewölbe und rief die Fischhändler, die Höker und die Weiber zusammen, der Auktionator erhob seine Stimme und ein Hammerschlag folgte dem andern, denn bei den Fischen gibt es kein langes Besinnen. Der große und der kleine Klaus standen vor ihren Kavelingen und warteten, bis die Reihe an sie kam und Gustav Platzmann ihre Fische verklopfte, die großen Zungen, die Mittelzungen, die kleinen, die Kleiße und Steinbutte, die Schollen und Rochen, die Petermännchen und Knurrhähne. Störtebeker mußte sich bannig wundern, denn als er dachte, nun ginge der Handel an, da war schon alles verkauft und die Händler standen bereits auf andern Kisten, aber auch Klaus Mewes machte sich seine Gedanken darüber, daß alles so schnell gegangen war. Was er in langen, mühseligen Streeken, an stürmischen Tagen und in dunkeln Nächten dem Meere abgewonnen hatte, was er Fisch für Fisch in der Hand gehabt und sorgsam auf Eis gebettet hatte, das wurde hier in einer Minute mit drei Hammerschlägen abgetan. „Nu goh man hin un hol man frische Fisch, Klaus Mewes“ — und damit basta.

Die Abrechnung konnte er erst später bekommen — sie hatten deshalb noch viel Zeit. Als sie die Fische der andern Ewer und Kutter besehen hatten, guckten sie nach Altona hinüber und schauten den Elbjollen in die Bünnen, dann kehrten sie bei Eierkohrs an der Ecke der Schellfischallee ein und tranken Kaffee. Und weil es schien, als wenn die Weiser der Uhr festgebunden wären, stiefelten sie sogar noch nach der Reeperbahn hinauf. Aber da war noch alles tot, der Kasper schlief noch: sie guckten denn auch nur eben bei Umlauff und Hagenbeck und beim Panoptikum in die Fenster und gingen dann zurück nach dem Fischmarkt.

„Non, Klaus, schall de Jung nu wedder mit no See?“ fragte Jan Tiemann, der Elbfischer.

„Ne, Jan, he is bloß mol mit to Markt,“ sagte Klaus Mewes.

„Jä, jä, Klaus, dat magst du woll seggen. Is ok all to winnig buten, is to ruselig, Klaus! Is keen Gelegenheit mihr för son lütje Geutjen, Klaus!“

Klaus Mewes nickte halb, Störtebeker aber sah den Elbfischer feindselig an und dachte: Wat weest du Buttpedder dorvan af?

Als sie später mit der Ebbe hinunterkreuzten, inmitten der vielen Dreuchewer, die unter Segel waren, war Klaus Mewes seiner Gedanken ledig und blickte wieder fröhlich über die Elbe. Und Störtebeker sah ihn von der Seite an und wollte fragen, was er schon gestern am Bollwerk fragen wollte und was ihm seitdem schwer auf dem Herzen lag: ob er wieder mit an Bord solle, wieder mit nach See. Sie hatten eine schöne Reise gemacht, das hatte er in der Halle wohl gehört: konnte es da nicht sein, daß sein Vater ja sagte? Aber so viele Male er auch ansetzte, er brachte die Worte doch nicht heraus: im letzten Augenblick stotterte er und fragte nach einem nahen Schiff oder nach etwas anderm. Klaus Mewes fühlte wohl die Not seines Jungen, aber er tat, als sei er ganz unbefangen.