Er sah, wie der Ewer versank, wie die Masten sich noch einmal aufrichteten und dann untertauchten, daß kein Topp und kein Flögel mehr zu sehen waren. Blasen schossen steil aus dem Wasser, dann aber strich der Sturm mit unwirscher Hand über die Stelle hin und machte sie wieder so kraus, wie die ganze See war.
Klaus Mewes war allein: sein Knecht und sein Junge, sein Hund und sein Ewer waren ertrunken, er trieb in der wilden Dünung von Skagen: nirgends war ein Schiff, nirgends ein Halt. Er dachte, eine Luke oder ein Brett des untergegangenen Ewers zu finden und sich daran festzuhalten, aber er konnte nichts sehen.
„Geef di, geef di, Klaus Mees!“ brüllte die See, aber er gab sich nicht, mit aller Kraft hielt er sich oben, denn er wollte noch nicht sterben und er konnte noch nicht sterben. Was sollte aus seinem Jungen werden, den keiner verstand als er? Wie die Sturzseen über den Ewer hergefallen waren, so würden sie am Deich über ihn herfallen und alles zerstören wollen, was er in ihm erbaut hatte: die schöne Furchtlosigkeit, die Liebe zur Seefischerei, das Vertrauen auf die eigene Kraft, die Freude am Sturm: alles würden sie ermorden wollen! Ob Störtebeker schon stark genug war, alles zu ertragen? Oder ob er wie ein armer Hase den vielen Hunden erlag, ob er den Sommer auf See vergaß und sich zu einem Schneider oder Schuster machen ließ! „Gesa, Gesa, lot mi den Jungen!“ rief er in den Sturm hinein. Er sah seine Frau vor sich, jung und blühend, und dennoch keine Fischerfrau, ewig bange und ewig unruhig: sie hatte nicht viel von ihm gehabt, weil sie nicht mitkonnte. Der einsame, ringende Schwimmer sah auch seine Schuld, er wußte, daß er oft hart mit ihr gewesen war, als er mondelang nach der Weser fuhr und ihr den Jungen abwendig gemacht, als er ihre Angst verlacht hatte, — aber Reue fühlte er nicht. Sie würde weinen, aber die Ruhe würde in ihr Herz kommen und sie würde ihren Mann erkennen lernen. Brot hatte sie: einen Zeugladen, wie ihn die andern Witfrauen aufmachen mußten, um sich zu ernähren, brauchte sie nicht.
Klaus Mewes fühlte, daß seine Arme ermatteten und daß er es nicht mehr lange machen konnte. Noch einmal ließ er sich von einer Wogenriesin emporheben und blickte von ihrem Gipfel wie vom Steven seines Ewers über die See, die er so sehr geliebt hatte, dann gab er es auf. Es paßte nicht zu seinem Wesen, sich im letzten Augenblicke klein zu machen und mit den Seen um die paar Minuten zu handeln. Er konnte doch sterben!
Er schrie nicht auf, noch wimmerte er, er warf sein Leben auch nicht dem Schicksal trotzig vor die Füße, wie ein Junge. Groß und königlich, wie er gelebt hatte, starb er, als ein tapferer Held, der weiß, daß er zu seines Gottes Freude gelebt hat und daß er zu den Helden kommen wird. Mit einem Lachen auf den Lippen versank er, denn er sah einen glänzenden, neuen Kutter mit leuchtenden, weißen Segeln und bunten Kränzen in den Toppen vor sich, der stolz dahinsegelte, und am Ruder stand ein lachender Junggast, sein Junge, sein Störtebeker ... grüßend winkte er mit der Hand ... fahr glücklich, Junge, fahr glücklich, sieh zu, daß du dein fröhliches Herz behältst, fahr glücklich! Guten Wind und mooi Fang, mien Jung! ...
Dann ging die gewaltige Dünung des Skagerraks über ihn hinweg. — — — —
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Thees, der Segelmacher, hat es nachher oft genug erzählt, wie es an demselben Tage unsichtbar an dem Segel gerissen hätte, bei dem er gerade zu tun hatte. Als er genau zusah, war es Klaus Mewes seine Fock, an der unsichtbare Hände wie in höchster Not zerrten. Thees sah eine Weile zu, dann fragte er erschüttert: „Brukst du dat Seil, Klaus? Is de anner Fock di woll tweireten?“ und versuchte, das Tuch glatt zu ziehen, als das aber nicht gehen wollte, legte er die Arbeit hin und ging hinaus. Der Wind blies wie nichts Gutes und die hochflutende Elbe ging wie eine breite See in Schaum und Gischt. In Seestiefeln und Ölzeug, den Südwester im Nacken, liefen die Seefischer hin und her und steuerten der gemeinen Not: sie zogen die Boote und Jollen auf den Deich, damit sie nicht voll Wasser schlügen, sie kämpften sich nach den Ewern und Kuttern hinaus, auf denen niemand an Bord war, und steckten mehr Ketten aus, damit die Fahrzeuge nicht vertrieben, sie schleppten Sandsäcke herbei und verstopften die Löcher im Deich, damit das Land keine Haverei hätte. „Is Klaus Mees bihus?“ fragte der Segelmacher. „Ne, de is buten,“ erwiderte Jan Lanker, der lustige. „Denn weet ik genog,“ sagte Thees nickend und ging langsam nach seinem Boden zurück. Als er das Segel wieder übers Knie legte, lag es ganz still — das Zerren hatte aufgehört. „Brukst du dat Seil nu ne mihr, Klaus?“ fragte er leise und wollte weiternähen, aber da brach ihm die Nadel ab. Seine Augen weiteten sich, als wenn er etwas sähe, dann stand er auf, rollte das Segel schweigend zusammen, legte es in die Ecke und ging an Hinnik Külpers Besan.
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Gesa stand in der Küche hinter der Waschbalje und rubbelte Störtebekers Kleibüxen, die voll Schlick und Schmeer saßen und gar nicht rein zu kriegen waren. Ihr Herz war voll Angst und Sorge und sie horchte bange auf den Sturm, der das Haus vom Deich werfen wollte, denn sie wußte nicht, ob Klaus einen Hafen hätte, oder ob er draußen sei. Wie wehte es!