Plötzlich fuhr sie zusammen und drehte sich jäh um, denn an der Tür hatte es gescharrt, sie hatte es deutlich gehört. Stand der Hund, der Seemann, draußen und begehrte Einlaß, war er vorausgelaufen und kam Klaus nach, lag der Ewer schon am Bollwerk? Hastig trocknete sie die Hände ab, um die Tür zu öffnen, da stand ihr das Herz still und ihre Knie bebten, denn die Tür war von selbst aufgegangen und auf der Schwelle stand ihr Mann, als wäre er dem Wasser entstiegen. Sein Gesicht war totenweiß, sein Haar war wirr und seine Augen waren müde und glanzlos. Niemals hatte Gesa ihn so gesehen. In starrer Angst sah sie ihn an. Sie wollte ihm entgegengehen und ihm die Hand geben, aber sie vermochte nicht, die Füße voreinander zu setzen, sie wollte ihn fragen, ob etwas passiert wäre, ob er Haverei gehabt hätte, aber ihre Zunge war gelähmt und sie konnte keinen Laut herausbringen.

„Gesa,“ sagte die furchtbare Gestalt leise und hob die Hand, da schrie Gesa laut auf und sank zu Boden.

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Störtebeker hatte es hild: er war mit den andern Jungen am Westerdeich zugange, mit einem großen Knüppel bewaffnet, und schlug die Ratten und Mäuse und Maulwürfe tot, die angeschwommen kamen, als das Wasser den niedrigen Katendeich überflutete und das weite Land des Neßbauern überschwemmte, der auf seiner Wurt wie auf einem Eiland saß und im Kuhstall Fische fangen konnte. Diese Rattenjagd war etwas für Störtebeker, dazu hatte er Lust. Eifrig lief er am Deich auf und ab und befreite ihn von den Plagegeistern. Junge, Junge, dat wür wat!

Just stand er auf dem Feekstreek und lauerte auf eine Ratte, die gleich mit dem Stubben, auf den sie sich geflüchtet hatte, zu Wasser mußte, da rief es mit einem Male hinter ihm: „Höh, Störtebeker!“ und als er sich schnell umdrehte, sah er seinen Vater auf dem Deich stehen und winken. „Hödjihöh, Vadder,“ rief er freudig, sah noch einmal nach der Ratte, dann aber warf er den Staken hin, denn das Takelzeug ging ihn nun nichts mehr an: sein Vater war gekommen!

Wo war er geblieben? Eben stand er doch noch oben und lachte — nun war er weg? Störtebeker lachte und glaubte, daß er sich versteckt hätte, wie er es immer machte, er sprang den Deich hinan und suchte ihn im Binnendeich hinter den Eschen und Rosenbüschen, aber er konnte ihn nicht wieder ausfindig machen. „Vadder, neem büst du?“ rief er, aber er bekam keine Antwort. Da nahm er an, er wäre schon nach Hause gegangen, und lief in Sprüngen nach dem Neß. Er guckte über das Wasser — der Ewer war nicht da, aber das hatte nichts zu sagen, denn der konnte ja noch an St. Pauli liegen, oder sein Vater konnte von Cuxhaven oder von der Weser mit der Eisenbahn übergereist sein.

„Mudder, is Vadder ne hier?“ rief er schon auf der Diele und stürmte suchend in die Küche, überholte hastig die Schlafkammer und suchte die Dönß ab.

„Och, mien arme Jung, woneem schull dien Vadder woll wesen,“ klagte seine Mutter und sah tränenüberströmten Gesichts von ihrem Psalmenbuch auf, in dem sie gelesen hatte.

„Eben wür he annen Westerdiek,“ lachte er und stieg auf den Stuhl, um aus dem Fenster in den Hof hinunter zu sehen. „Ik will em woll gewohr warrn, den Versteekspeeler den!“

Da wurde sie aufmerksam. „Keen wür annen Westerdiek?“ fragte sie tonlos.