„Is keen Breef van Vadder kommen,“ fragte er abends, denn sie konnten ja auch nach der Weser gesegelt sein, wenn es gerade so gepaßt hätte.

„Junge, gläufst du noch jümmer, wat Vadder wedderkummt?“ fragte Gesa bekümmert.

„Ganz gewiß gläuf ik dat, Mudder! Vadder kummt wedder!“

Als er wieder einmal dwars von Blankenese lauerte, kam hinter Schulau ein grüner Ewer in Sicht, der ganz so aussah wie sein Vater. Er dachte, er wäre es, und eine große Freude kam über ihn, daß ihm die blanken Tränen in die Augen traten. Hastig zog er seinen Draggen auf, den er ausgeworfen hatte, und wriggte dem Ewer entgegen, so schnell er nur schippern konnte. Wenn die Nummer zu lesen oder der Ewer sonst zu erkennen war, wollte er sich barfuß ausziehen, damit sein Vater die alten schwarzen Strümpfe gar nicht erst zu sehen bekam, dann wollte er die Flagge aufsetzen, die unter der Achterducht im Dollenkasten steckte, und solange rufen und winken, bis sein Vater ihn gewahr wurde. Und dann wollte er längseit wriggen und überklettern und seinem Vater steuern helfen, wollte Kap Horn Gutentag sagen und Hein Mück ein bißchen ärgern, wollte mit Seemann spielen und nach den Segeln hinaufgucken, wie er immer getan hatte. Ach — er wollte noch viel mehr und stand in Gedanken schon längst an Bord: als er aber bis Wittenbergen gekommen war, sah er einen fremden Ewer vor sich und kehrte traurig um.

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Alle Fischerleute, Seefischer und Elbfischer, haben den Jungen draußen auf der Elbe gesehen und sind von ihm nach seinem Vater gefragt worden. Die Jollen nahmen ihn oft ins Schlepptau und brachten ihn wieder an den Laden, wenn er sich zu weit hinabgewagt hatte und nicht gegen den Strom oder Wind konnte. Alle ermahnten ihn, nicht wieder so weit zu fahren, sondern am Bollwerk zu bleiben: sein Vater könne nicht wiederkommen, nach dem brauche er nicht mehr zu fragen oder zu suchen.

Aber Störtebeker hörte nicht auf sie und glaubte ihnen nicht: mit der nächsten Tide fuhr er wieder elbabwärts und suchte seinen Vater. Oft hungerte ihn, er zitterte vor Frost, wenn der Wind wehte oder der Regen ihn bis auf die Haut durchnäßt hatte, aber er wriggte immer wieder, immer wieder nach Blankenese hinunter und guckte den Schiffen entgegen. Sein Vater kam wieder: von dieser Hoffnung ging er nicht ab — und er wollte der erste sein, der ihn gewahr wurde.

Die Bunge hing zerrissen an den Wicheln und der Aalkorb verrottete im Gras, denn er hatte sich der Fischerei gänzlich begeben. Kluß, die alte Krähe, lag eines Morgens tot im Kasten: sie war verhungert: er grub sie im Garten ein und stellte den Käfig in die Ecke. Die Kaninchen verschenkte seine Mutter an andre Knaben, weil er sich nicht mehr darum bekümmerte: gleichgültig ließ er es geschehen, denn es war ihm einerlei geworden, ob er Viehwerk hatte oder nicht: erst mußte sein Vater wieder da sein, erst mußte der große Ewer wieder über den Deich schauen! Dann kam auch all das andre wieder an die Reihe.

In der gewissen Zuversicht: diese Tide kommt Vater! — lief er nach seinem nordischen Kahn und nahm den Kurs auf Blankenese.

Gesa, die ein seltner Gast auf dem Deiche geworden war, merkte zuerst nichts von diesen weiten Fahrten, sie dachte, er wäre am Westerdeich zugange, und achtete nicht sonderlich darauf, ob er zu früh oder zu spät oder überhaupt nicht zum Essen kam, denn sie selbst hatte auch keine rechte Tageszeit mehr und ging wie eine Schlafwandlerin umher, wie in tiefen, schweren Träumen.