Auf dem Neß war es nun wirklich so, wie Klaus Mewes damals auf den Watten gesehen hatte: alle Fenster waren dicht verhängt und vor der verschlossenen Tür, auf den Stufen, auf der Bank und auf den Kastetten standen der Hahn und die Hühner und warteten hungrig auf ihr Futter. Im Hause war es halb dunkel, kein Sonnenstrahl kam mehr in die Stuben, die Klaus Mewes mit seinem Lachen erfüllt hatte. Verhängt waren der Spiegel und das große Bild des Ewers. Gesa schlich nur noch wie ein Gespenst durch die stillen, totenstillen Räume. Meistens saß sie in der dämmerigen Küche und starrte vor sich hin oder sie weinte. Ihre Tür schloß sie zu, denn sie wollte keinen Menschen sehen. Die vielen Frauen, die Tag für Tag kamen, nach ihr zu sehen und sie zu trösten (denn nun Gesa schwarze Kleider trug und Witfrau geworden war, galt sie für eine Finkenwärderin), mußten gewöhnlich umkehren, ohne sie gesehen und ihren Kaffee geschmeckt zu haben. Auf dem Deich ließ sie sich selten sehen, denn sie konnte den Anblick des vielen Wassers nicht mehr ertragen, konnte keine Ewer mehr vorbeisegeln sehen, ohne daß ihr die Augen übergingen.
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Und Klaus Störtebeker? Der saß wohl bei ihr, in der dunkeln Küche, und weinte mit?
Nein, das tat er nicht! Er weinte nicht, denn er glaubte nicht, daß sein Vater untergegangen war, daß der Ewer nicht wiederkommen konnte, daß er Kap Horn und Hein Mück und Seemann nicht wiedersehen sollte! Sein Vater war nicht weg, der lebte und fischte noch! Der kam wieder, ganz gewiß kam er wieder, die Reise dauerte diesmal nur etwas länger, weil sie so viel vor Wind hinter Wangeroog liegen mußten, aber wieder kam er ganz gewiß, er hatte es ja selbst gesagt. Felsenfest war das Vertrauen des Jungen auf dieses Wort seines Vaters und unerschütterlich war sein Glaube.
„Störtebeker, dien Vadder is bleben,“ sagten die andern Jungen zu ihm, aber er schüttelte geruhig den Kopf und antwortete: „Wat weet ji dorvan af?“ — „Doch, Vadder hett dat seggt!“ — „Denn segg dien Vadder man, dat is ne wohr. Vadder kann ne blieben un is ne bleben, Vadder kummt wedder,“ sagte Störtebeker bestimmt und ging davon. Seine Mutter tröstete er jeden Morgen und jeden Abend: „Schree doch ne, Mudder, gläuf doch ne, wat Vadder weg is; de is ne weg, de kummt wedder,“ aber er erreichte damit nur, daß sie noch heftiger weinte.
Widerwillig trug er schwarze Strümpfe und ein dunkles Halstuch: sein Vater würde ihn auslachen, wenn er kam, meinte er mißmutig.
Jeden Tag, der grau aus dem Hamburger Dunst stieg und golden in die Elbe versank, lag er mit seinem Kahn auf dem Wasser. Er wriggte weit hinaus, bis hinter Blankenese, und wartete und wartete. Immer waren seine Augen im Westen und suchten die Elbe ab, suchten den Ewer, suchten den Vater. Große Dampfer mahlten an ihm vorbei und die Lotsen drohten ihm mit den Fäusten, aus dem Fahrwasser zu gehen, aber er dachte: ich habe hier ebensoviel Recht als ihr, und kümmerte sich nicht darum. Die Dünung warf den Kahn wie eine Nußschale auf und ab: Störtebeker ging nicht vom Fleck. Wenn ein Ewer oder Kutter aufkam, wriggte er hin und fragte nach seinem Vater.
„Hest Vadder ne sehn, Jannis?“
„Höh, Blankneeser, hett H. F. 125 ne bi di fischt?“
Aber immer bekam er ein Kopfschütteln und ein Nein und den guten Rat, nach Hause zu schippern, den er aber nicht befolgte. Zuletzt kannten ihn alle. „Kiek, dor is wedder Klaus Mees sien lütjen Jungen,“ sagten die Schiffer zu den Knechten, wenn sie den Kahn in Sicht bekamen. Bei Wind und Wetter, bei Nebel und Sonnenschein, bei Regen und Brise dümpelte und trieb Störtebeker vor Blankenese und wartete auf seinen Vater. Starr blickte er nach Westen, wo immer wieder Segel erschienen, wo immer wieder Schiffe auftauchten. Einmal mußte sein Vater doch gewiß dabei sein, einmal mußte er ihn doch hergucken können! So viele Schiffe!