Alle Seebevölkerung weiß, daß die Fahrensleute in der Stunde, in der sie auf See ertrinken, mächtig sind, an Land, in ihrem Hause, zu rufen oder zu schreien, zu klopfen oder zu scharren, auf dem Nebelhorn zu blasen, die Bilder an der Wand zu Boden zu werfen, die Uhr anzuhalten oder in Lebensgestalt zu erscheinen.

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H. F. 7, Jan Sloo, kam den anderen Tag von der Hoof, das heißt von Cuxhaven, übergereist, wo sein Ewer mit zerrissenen Segeln und gebrochenem Großmast hinter der Alten Liebe lag, und erzählte, daß er ein solches Wetter noch nicht erlebt hätte, auf See wenigstens noch nicht, es wäre ganz furchtbar hart gewesen. Als Gesa aber in der Dämmerung zu ihm ins Haus kam, mit einem dunkeln Tuch um den Kopf, mit bleichen Backen und verweinten, geröteten Augen, und ihn nach ihrem Mann fragte, sprach er anders; da war es draußen gar nicht so schlimm gewesen, sie hatten nur etwas krauses Wasser gehabt und so was Gutes. Ihren Klaus hatte er zwar nicht gesehen und er hatte auch nichts von ihm gehört, aber da war alles in der Reihe, der fischte gewiß mit einem Reff im Segel weiter, um erst die Eiskisten zu füllen und dann gleich eine gute Reise zu machen. Da brauchte sie sich keine Gedanken zu machen: der kam wieder, so gewiß wie zwei mal zwei vier waren, wenn nicht heute noch, dann morgen oder übermorgen. Wenn er den Wind ausgehalten hatte, hatte Klaus mit seinem viel größeren Ewer ihn siebenmal ausgehalten. Da konnte sie ganz geruhig sein. So tröstete der Seefischer sie in seiner Unbeholfenheit, bis sie kopfschüttelnd hinausging, denn sie merkte, daß er nicht die Wahrheit sagen wollte. Er sah lange Zeit aus dem Fenster auf das Wasser hinaus, dann sagte er langsam zu seiner Frau: „Inne Nurd schallt noch mihr weiht hebben, as neem wi ween sünd — un ik gläuf, Klaus Mees is inne Nurd wesen.“

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Als ein schwarzer Tag mit Kreuzen steht der Tag im Kalender der Wasserkante, denn er hat viel Unglück und Haverei gebracht.

Die Eiderdeiche waren an drei Stellen gebrochen, weite Strecken der Marsch standen tief unter Wasser, viel Vieh war in den Fluten ertrunken, Häuser waren abgedeckt, Scheunen waren umgeweht, starke Bäume waren entwurzelt. Auf Scharhörn war eine große englische Bark gestrandet und mit Mann und Maus spurlos verschwunden, beim zweiten Feuerschiff war ein Lotsenschoner umgekippt und dwars von der Kugelbake guckte der Mast einer gesunkenen Jalk aus dem Wasser, Cuxhaven aber lag bis an den Leuchtturm voll von haverierten Schiffen.

Von Finkenwärder wurden noch sieben vermißt, fünf Kutter und zwei Ewer, darunter Klaus Mewes. Tag für Tag lauerten sie am Deich auf sie und sprachen die Tage von nichts anderm als von ihnen: alles andre mußte zurücktreten, bis sie Gewißheit über das Schicksal der sieben Fahrzeuge, der einundzwanzig Menschen hatten. Um den sie sich am wenigsten sorgten, das war Klaus Mewes, denn ein Mann wie Klaus Mewes, ein Fischermann wie kein zweiter, mit dem großen, seetüchtigen Ewer unter den Füßen und guten, befahrenen Leuten an Bord, der blieb nicht so leicht, der mußte ja wiederkommen; der hatte schon viele schwere Stürme bestanden und sich immer oben gehalten. Mehr bangten sie um den andern Ewer mit den geflickten Segeln und um die Kutter mit ihren blutjungen, dreisten Schiffern und den wenig befahrenen, butenländischen Leuten: die mochten ihre Last gehabt haben, nicht aber Klaus Mewes.

Es kam aber anders, als sie dachten, denn der alte Ewer und die Kutter kamen nach und nach alle binnen, wenn auch kein Fahrzeug ohne Haverei war. Nur der eine Ewer, Klaus Mewes, wollte sich nicht wieder angeben, weder auf der Weser noch auf der Elbe.

Tag um Tag verging und aus Tagen wurde eine Woche, wurden Wochen und Klaus Mewes kam nicht wieder. Drei Sonntage tat Bodemann von der Kanzel herab Fürbitte für ihn und die beiden Leute und er betete stark und ergreifend, daß es wie ein großes Weinen durch die Kirche ging, denn der Untergang dieses großen, fröhlichen Seefischers ging ihm sehr nahe. Wer mag noch Fischer sein, wenn solche Männer bleiben, dachte er.

Dann mußte die Hoffnung aufgegeben werden: Klaus Mewes war verschollen. Sie mußten es endlich glauben, daß sie seine Flagge nicht mehr flattern sehen würden, daß er nicht mehr lachenden Gesichts den Deich entlangkommen konnte, daß Kap Horn nicht mehr bei den Hochzeiten aufspielte und daß Hein Mück nicht mehr mit den Mädchen tanzte. Was für ein Mann Klaus Mewes gewesen war, merkten die meisten erst jetzt! Gut und fröhlich war er gewesen, jedem hatte er ein freundliches Wort gegönnt, auf Fische war es ihm nie angekommen, wo er helfen konnte, da hatte er geholfen, mit Rat und Tat, vielen war er in ihrer harten Fischerei ein Trost gewesen, der junge, lustige Fischermann, der lachend gefahren war, singend gefischt hatte und jubelnd aufgekommen war. Bei ihm an Bord hatte die Lebensfreude das Wort gehabt; er war ein Seefischer aus Lust gewesen, nicht aus Gewohnheit, Zwang oder Not, wie so manche es waren.