„Junge, du Egenbuck! Wat büst du förn Jungen! Dien Mudder hett di woll gornix mihr to seggen?“ fragte sie bebend.
„Du weest doch ganz god, wat ik up Vadder teuft hebb,“ erwiderte er geruhig und setzte abweisend hinzu: „Nu lot mi doch tofreeden, Mudder!“
Da konnte Gesa sich nicht mehr halten: der Zorn überschrie alles andre in ihr und sie schlug ihn sehr. Er stand still und ließ sich schlagen, weder wehrte er sich, noch lief er weg, noch schrie er: fest biß er die Zähne aufeinander, um keinen Laut von sich zu geben.
Den andern Tag holte sie ihn mehr als einmal mit dem Stock vom Bollwerk zurück, sodaß er nicht entkommen konnte, aber den Morgen darauf flüchtete er wieder vom Deich und blieb den ganzen Tag auf der Elbe. Wie wünschte er seinen Vater herbei! Wenn er doch käme, der grüne Ewer! Sonst gab es heute abend ja wieder etwas mit dem Stock! Aber sein Vater kam nicht, und er mußte schließlich doch zurückwriggen. Er hatte den ganzen Tag nichts gegessen, nur aus der Elbe getrunken hatte er, und war sehr hungrig. Triefend von Regen, stand er auf der Schwelle und guckte seine Mutter an, die schon bei der Lampe saß, als wenn er sagen wollte: nu hau mi man wedder!
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Sie ließ ihn nun nicht mehr aus den Augen und hielt ihn auch einige Tage fest. Streng achtete sie darauf, daß ihn niemand mehr Störtebeker nannte, daß er wieder Klaus Mewes gerufen wurde: sie ging selbst nach dem alten Schulmeister Möhlmann hinunter, damit es den Kindern verboten würde, den Jungen Störtebeker zu nennen: aber damit erreichte sie nur das Gegenteil von dem, was sie wollte, denn nun riefen die Jungen erst recht Störtebeker.
Eines Tages fand sie ihn am Binnendeich sitzen. Mit geschlossenen Augen hockte er auf einem Hummerkasten von Grimsby und stieß mit den Füßen gegen ein Brett, das zwischen den Kurrbäumen steckte, so daß es regelmäßig knarrte. Sie trat näher, und als sie sein glückliches Gesicht sah, fragte sie ihn weich: „Wat schall dat denn, Klaus?“ Er schüttelte erst heftig den Kopf, als wenn er nicht gestört werden wollte, dann aber besann er sich und sagte leise: „Mok de Ogen ok mol to, Mudder!“ — „Wat schall dat denn, Junge?“ — „Moks doch mol to, Mudder, och man to!“ — „Ik hebbs jo all to, Klaus.“ — „Ganz fast?“ — „Jo, ganz fast!“ —
„Denn sünd wi up See, Mudder,“ sagte er verträumt, „kannst hürn, wat dat boben unsen Kupp gnarrt? Dat deit de Gaffel, wenn de Eber oberholt, Mudder! ... Twee Stünnen hebbt wi de Kurr all ut, Mudder, gliek möt wi intehn, denn schallst mol sehn, wat denn en Leben ward, wat denn de Meben anflegen kommt! ... Kannst Seemann dor blangen den Kumpaß liggen sehn? Dor slöppt he jümmer inne Fohrt, Mudder ... Kiek, dor steiht Kap Horn! Paß up, gliek holt he sien Harmonika ut de Koi un speelt een up — dat hürt sik up See veel beter an as an Land, Mudder, ne? ... Hein Mück schillt Kantüffeln, gliek gifft brodte Schullen, de scheut ober smecken ... Kannst sehn, Mudder, dor achter dat Land, dat hoge, rode? Dat is Hilchland! ...“
So verlor Störtebeker sich weit in seine Seefahrt und erzählte immerzu. Gesa saß auf dem Kurrbaum, der die eingeschnitzten Zeichen H. F. 125 trug, und hörte zu, während ihre Augen sich verdunkelten. „Woneem is Vadder denn?“ fragte sie zuletzt erschüttert.
„Vadder?“ rief er verwundert, „Vadder? De steiht hier jo bi uns ant Rur, de hett jo de Wacht! Hür mol, wat he lachen kann!“